Im September 2004 erfüllte sich US-Komiker Dave Chappelle einen Wunsch: Er organisierte das Konzert, auf das er selbst immer gehen wollte.
Woodstock ist vielen ein Begriff.
Wattstax allerdings, eines der größten Festivals schwarzer Musik, ist in Verges-senheit geraten.
Im August 1972 veranstaltete das Plattenlabel Stax Records ein Musikfestival im Coliseum in Los Angeles, um der Unruhen im Stadtteil Watts sieben Jahre zuvor zu gedenken. Über 100.000 überwiegend afroamerikanische Zuschauer zog das Festi-val an. Unter anderem traten Isaac Hayes, The Emotions und Albert King auf. Jesse Jackson und anderen schwarze Bürgerrechtler hielten Reden.
Unter den Zuschauern war eine zierliche Frau. Um sie herum lachende, sorglose Menschen, die ihren Lieblingsmusikern auf der Bühne zuriefen und zu der Musik tanzten. Doch die Frau hatte ein Problem: Sie konnte nichts sehen, vor ihr stand ein großer bulliger Kerl. Als es ihr zuviel wurde, tippte sie dem Fremden auf die Schulter und sagte bestimmend: „Heb mich hoch. Carla Thomas singt gleich und die will ich sehen.“ Den Rest des Festivals verbrachte sie auf seinen Schultern, die Faust gen Himmel streckend und immer wieder laut ‚Black Power’ rufend.
Neun Monate später gebar sie einen Sohn. Dem erzählt sie alljährlich an seinem Ge-burtstag, wie Wattstax die Menschen zusammengebracht hat. Der Sohn heißt Dave Chappelle, ist heute 33 Jahre alt und der bekannteste afro-amerikanische Komiker.
Als im Sommer 2004 der Vertrag über seine Comedy-Reihe „The Chappelle Show“ verlängert und seine Gage offenbar deutlich erhöht wurde, war dies dem Comedian mit Fachgebiet „racial stereotypes“ ein öffentliches Hip-Hop-Straßenkonzert wert.
Einzige Bedingungen: Die Musiker sollten großartig, die Location bis zuletzt geheim, der Eintritt frei und das Event unbeworben sein. Alle Informationen sollten aus-schließlich per Mundpropaganda über das Netzwerk der schwarzen Community ge-streut werden. Und die Party sollte dokumentiert werden.
Am 18. September 2004 war es soweit: Dave Chappelle startete seine „Block Party“ – eine bis dahin noch nie da gewesene Kombination aus Comedy und Live-Musik. Auf der Bühne die wichtigsten Vertreter des politischen Hip Hops: Allen voran der Superstar Kanye West und die ehemaligen Fugees, die eine erste, sehr tastende Reunion darboten. Dazu weitere illustre Namen wie Mos Def, Talib Kweli, Common, Cody Chesnutt, die Bands Dead Prez und The Roots, und schließlich die fabelhaften Sängerinnen Erykah Badu und Jill Scott.
Der Film zum und über das Konzert wurde lange vorbereitet. Dabei wurde Chappelle begleitet vom französischen Filmemacher Michel Gondry („Vergiss mein nicht!“) und von der Kamerafrau Ellen Kuras („Coffee & Cigarrettes“).
Einer ihrer Wege führte nach Dayton, Ohio, wo der Starkomiker aufwuchs und angeblich noch immer wohnt. In amüsanter Weise zeigt der Film, wie Chappelle wild-fremde Leute auf der Straße zu seiner Party nach New York einlädt, und wie er, einer spontanen Eingebung folgend, die Blaskapelle der lokalen Universität auffordert, am musikalischen Teil der Party mitzuwirken.
Zurück in New York, sprach Chappelle mit Bewohnern des New Yorker Stadtteils Bedford-Stuyvesant, in dem das Konzert stattfinden sollte und der im Bezirk Brooklyn liegt. Er gabelte willkürlich Zuschauer auf, lud jeden ein, der ihm über den Weg lief.
Wer allerdings nicht aus der Nachbarschaft war oder von Chappelle direkt angespro-chen wurde, musste sich ziemlich bemühen, um auf die sagenhafte Block Party zu gelangen. Hilfreich war das Internet, wo Neugierige zunächst auf eine Site geleitet wurden und einen Fragebogen ausfüllen mussten, um dann an jenem besonderen Tag zu einem Treffpunkt nach Chinatown gelotst zu werden. Von dort ging es mit Bussen weiter zum Konzert.
Das Verfahren war von ähnlich verspielter Komplexität wie die Spielfilme von Mi-chel Gondry, der allerdings eher wegen seiner Erfahrung als Regisseur von Musikvideos (Björk, Red Hot Chili Peppers, etc.) für das Projekt gewonnen wurde.
Dokumentiert ist auch das Aufspüren des Veranstaltungsortes in Brooklyn einschließ-lich eines Besuchs des angrenzenden Kindergartens, der notwendig wurde, um eine Genehmigung zu erhalten, vom Dach des Gebäudes drehen zu dürfen.
Gemeinsam mit Impressionen aus dem Backstage-Bereich ergab sich daraus eine Fülle erklärenden Materials, das im Film zwischen den Auftritten der Musiker einge-spielt wird.
Chappelle führt durch das Konzert, überbrückt mit seinen Entertainerqualitäten die Wartezeiten, und scheint überhaupt omnipräsent zu sein. Dennoch ist der Film nicht nur ein weiterer Dave-Chapppelle-Film, dessen DVDs in den USA Verkaufs-schlager sind.
Er sagt vielmehr etwas über den Menschen Chapelle aus.
„Dave hat nicht immer einen Clown gefrühstückt“, sagt Gondry, „aber bei solch einem Projekt sind ständig Leute um ihn herum, und er ist das Energiezentrum, zu dem man hingeht, um seine Batterien wieder aufzuladen. Er hat einfach die Gabe, die Men-schen unbeschwerter zu machen, indem er sie zum Lachen bringt.“
Neben Chappelles rasender Komik sind es der Charakter und Zuschnitt der Veran-staltung, die die Dokumentation so interessant und fesselnd werden lassen. Die Block Party ist ein Beweis für die Lebendigkeit schwarzer urbaner Kultur. Für die musikalische Begleitung der Künstler sorgt durchweg dieselbe Band. Unter der Leitung des bulligen The Roots-Schlagzeugers Questlove sind damit Rivalität und Konkurrenzdenken für den Moment suspendiert. Es überwiegen Duette, kollektives Reimen, Improvisation. Der vom Mainstream geliebte und geachtete Star Chappelle betont immer wieder, wie wichtig ihm kritische Musiker wie Dead Prez sind, die nicht vom normalen Radio gespielt werden.
Auch ein Bürgerrechtsaktivist bekommt seinen Auftritt: Fred Hampton Jr., der Sohn eines vor dreißig Jahren von der Polizei erschossenen Black-Panther-Führers, er-zählt von seinem Vater und von seinem eigenen Kampf gegen den täglichen Rassis-mus.
Michel Gondry rekonstruiert das Konzert mit Filmmaterial von gerade einmal vier fast ausnahmslos statisch positionierten Kameras.
Wird es dem ungeübten Zuschauer zu viel mit dem Sprechgesang – nur Geduld: Das nächste Intermezzo folgt bestimmt. Chappell’sche Witze, Publikumsreaktionen, Pro-benaktivitäten, Musikerinterviews oder die Hippies aus der Nachbarschaft sorgen für Abwechslung. Gondry bringt die Zutaten in die richtige Mischung, splittet hier und da schon einmal Ton und Bild, stellt aber konsequent die Montage in den Dienst des Ereignisses. Seine Markenzeichen, wie etwa wilde Schnitt-Experimente, finden sich nicht. So wenig Gondry in einem Gondry-Film war selten, doch zeigt der Regisseur einmal mehr seine Klasse. Es bleiben die Eindrücke eines großen und doch inti-men Hip Hop-Festivals mit gerade mal ein paar tausend Zuschauern im immer wie-der einsetzenden Regen. Umso mächtiger war der Geist der Veranstaltung, mit der die Rap-Community jenseits von Gangster-Klischee und kulturindustriellem Verkaufsgehabe ein Eigenleben demonstrierte.
Die Bilder, die Dave Chappelle im Kopf hatte, wenn seine Mutter von Wattstax schwärmte, sind nun Wirklichkeit geworden. Chappelle hat die Idee des schwarzen Musikfestivals übernommen, mit seiner Comedy-Show gemischt und alles aufneh-men lassen. Was herauskam ist ein Musikfilm, der vor allem durch seinen ununter-brochenen Vibe und durch die Synthese aus erstklassiger Comedy und sehr guter Hip-Hop-Musik überzeugt. Zugegeben, mehr als Chapelle und feiernde Menschen, die glücklich sind und Spaß haben, hat der Film nicht zu bieten. Aber der Zuschauer fühlt sich inmitten einer guten Party, auf der genau die richtige Stimmung aus Tanzen und Sich-Kaputt-Lachen vorherrscht.
Ein Film, der nicht nur gesehen werden will.
Er will gefeiert werden.
Darsteller: Dave Chappelle, Wyclef Jean, Kanye West, Mos Def, Common, The Roots, The Fugees, Cody ChesnuTT, Dead Prez, Erykah Badu
DVD Extras: Making of, "Ohio Players" – Featurette; Längere Musikszenen: "Turn Off the Radio", "Bigger Than Hip-Hop", "The Way", "Boom"; Deleted Scene; Interview mit dem Regisseur Michel Gondry, Interviews mit den Stars, Fotogalerie