In einer immer hektischer, immer lauter und immer schneller werdenden Welt ist die Besinnung auf das eigene Selbst, der Rückzuck ins schützende Schloß - das sogenannte „Cocooning“ - ein wohlbekannter Trend unter SoziologInnen und MedienforscherInnen. In diese Bewegung gliedert sich die seit langem anhaltende Begeisterung für Hörbücher nahtlos ein, denn statt sich mühsam durch Seiten enggeschriebener Zeilen zu blättern, ist es doch so viel kuscheliger, den Lieblingskrimi oder die neuesten Verschwörungstheorien von suggestiven Stimmen eingeflüstert zu bekommen. Dieses Eintauchen in die verlorene Unbeschwertheit der Kinderzeit bietet auch das knapp 80-minütige Hörbuch „Jens Wawrczeck liest Hans Christian Andersen“, das dank seines guten Sprechers fast so viel Genuß wie „echtes“, Vorgelesenbekommen bietet. Mit einer sehr abwechslungsreichen Stimme, die er gezielt einsetzt, um ein Maximum an Wirkung zu erreichen, spricht Wawrczeck einen kräftigen Mann so überzeugend wie ein piepsiges Kind oder einen weichen Frauenton. Doch diese wandelbare Stimme bringt einen Nachteil mit sich: Sie ist viel zu hell für das warme Brummen, das man von einem richtigen „Märchenonkel“ erwartet und erinnert obendrein stark an Comedy-Loser Spencer Olchin (King of Queens). Zudem würde eine breitere Palette von SprecherInnen zu einem plastischeren Eindruck führen. Aber die stimmungsvolle musikalische Untermalung und die vielfältige Märchenauswahl sorgen trotzdem für nette, leichte Unterhaltung. Andersen-Fans werden allerdings die Klassiker „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, „Das häßliche Entlein“ und natürlich „Die Kleine Meerjungfrau“ vermissen. Nichtsdestoweniger weist bereits der unprätentiöse Untertitel „Sieben Geschichten“ darauf hin, dass keine Vollständigkeit oder Huldigung des allseits Bekannten angestrebt wird. Und ist das nicht eine der Aufgaben von Büchern: Ihre LeserInnen (oder eben: ZuhörerInnen) etwas Neues entdecken zu lassen? Wertung 6/10.