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Gothic Aid-Festival
Leipzig
Werk II
20.01.2007

Divamee
Sin Seduction
SEPIA
Profane Finality Feindsender 64.3 (Welle:Erdball)

 

 


Nach Weihnachten sinkt die Spendenbereitschaft meist schnell wieder in den Keller, nicht aber beim Gothic Aid e.V. – unter dem Motto „Szene hilft helfen“ veranstaltet der Verein am 20.01.2007 sein erstes Benefizkonzert zugunsten des Straßenkinder e.V. Leipzig und des Deutschen Kinderschutz­bundes. Bereits im Vorfeld konnten Fans bei Ebay ein „Meet & Greet“ mit ihrer Lieblingsband ersteigern, alles für einen guten Zweck versteht sich. Am Festivaltag müssen die Besucher aber erst mal warten: Es gibt Probleme beim Soundcheck und so öffnen sich erst eine halbe Stunde nach geplantem Konzertbeginn die Türen zur Halle A. Um 19:15 Uhr kommt dann die Begrüßung durch Lokalmatador Volly Tanner, der die Maxime für den Abend vorgibt – „Ihr tut etwas Gutes, also feiert!“ – und die erste Band ankündigt: Divamee.

Sängerin Lysz erscheint in einem weißen Lack-Minikleid, unterstützt wird sie von drei weiteren weißgewandeten Sängerinnen, während die beiden männlichen Musiker in Schwarz den Kontrast bilden. Allerdings scheinen die Technikprobleme noch nicht behoben und so läuft das Konzert etwas schleppend an, nichts scheint zu funktionieren. „Das ist unser allererstes Konzert und irgendwie musste ja alles schief gehen!“. Zum Trost wird der eigentlich zum bandinternen Anstoßen gedachte Sekt ans Publikum ausgeschenkt und herzförmige Lutscher verteilt. Dabei ist es Divamee ernst mit ihrer Musik und deren Inhalten: Ein Kuscheltier im Arm singt Lysz ein Lied über Kindesmissbrauch, zu anderen Songs der Veganerin laufen im Hintergrund Bilder von Fleisch, toten Tieren und Mastställen. Aber die Technik streikt standhaft und so wird das letzte Lied mittendrin abgebrochen, Lysz entschuldigt sich beim Publikum, das warmen Applaus spendet: „Ich hoffe, dass ihr uns eines Tages in anderer Form erleben könnt!“ Trotzdem, die Enttäuschung ist ihr anzumerken.

Im Anschluss erobert die Wave-Band Sin Seduction aus Manchester die Bühne. An den Synthesizern stehen Daniel Nowack und Evangeline Cooper, ein fleischgewordener Fetischtraum mit sexy Lackoutfit und Overknees. Aber für Bühnenpräsenz ist eindeutig der charismatische Sänger Chris Frost zuständig. Ausstaffiert mit Lackhosen, Killernieten-Armbändern, Tarot-Karten am Zylinder und schwarzem Lippenstift, vom Aussehen her irgendwo zwischen dem jungen Boy George und Marilyn Manson, bewegt er sich pausenlos über die Bühne und lässt seinen lasziven Charme spielen. Mit Haifischgrinsen im Gesicht und Schalk in den Augen ist er den zahlreichen Fotografen am Bühnenrand immer eine Bewegung voraus, während er mit sonorer Stimme von Lust und Liebe singt: „Not for love or Money“.

Nebel wabert zum düster-unterschwelligen Intro über die Bühne, die Boxen dröhnen – dann rocken SEPIA los, die einzige Nicht-Electro-Combo des Abends, wie Sängerin Tina zur Begrüßung feststellt. Ehemals als Mantus unterwegs, hat die Gothic-Rock-Band auch noch einige Stücke der Vorgängergruppe im Gepäck, die – wie „Wir warten auf den Tod“ und „Kleiner Engel Flügellos“ – vom Publikum auch lautstark gefordert werden. Letzterer Wunsch wird gegen Ende des Auftritts tatsächlich erfüllt, aber trotz der alten Stücke im Programm ist die neue Richtung klar: SEPIA ist gradlinig und schnörkellos, wo Mantus verspielter war. Die Band ist reifer geworden, präsentiert sich gutgelaunt und spielfreudig.

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Die beiden Leipziger von Profane Finality beenden mit ihrem Oldschool-EBM das rockige Intermezzo auch schon wieder, das Publikum will schließlich auf den heutigen Hauptact eingestimmt sein. Die Bühne ist jetzt in blutrotes Licht getaucht, Stroboblitze zucken, die dröhnenden Bässe lassen die Boxen im Presslufthammer-Crescendo vibrieren. Benno und Maik singen abwechselnd, die Stimmen verzerrt, zwischendurch die üblichen gesampelten Dialogfetzen. Selten wird es wie bei „Schmerz“ etwas melodiöser, andere Texte sind eher platt („to fuck you“), aber es ist tanzbar und das kommt beim Publikum gut an.

Während der Umbaupause läuft zur Einstimmung „Starfighter F104G“ und zum ersten Mal an diesem Abend wird es vor der Bühne richtig voll. Um etwa 0:30 Uhr ist es dann endlich soweit: Welle:Erdball bittet zum Zeitsprungkonzert und reist mit dem Publikum 13 Jahre zurück – zum Feindsender 64.3. Honey und A.L.F betreten in ihren kultigen Moderatoren-Uniformen die in unwirkliches Blau getauchte Bühne, die mit Requisiten aus dem Band-Fundus dekoriert ist. Zudem hängt vor dem Keyboard eine FDJ-Fahne, rechts flimmert ein Fernseher vor sich hin. „Meine Damen und Herren, sie hören Feindsender 64.3 und es ist der 20.01.1994!“ Keine zwei Songs später hat sich das den ganzen Abend eher zurückhaltende Publikum in eine Mosh-Pit verwandelt: Junge Männer mit nackten, verschwitzen Oberkörpern recken die Arme nach vorn und skandieren die Texte mit, später versuchen sich ein paar Wagemutige auch im Stagediving. Zum Höhepunkt der Show holt Honey einen Fan auf die Bühne – „Wann war dein erstes Welle:Erdball-Konzert?“ – „Sommer 1994!“ –, der bei der Versteigerung der im Hintergrund hängenden, signierten Band-Fahne assistieren soll. Nach einem Bietduell geht sie für satte 350 Euro weg (Honey: „Leute, macht euch nicht unglücklich!“), die Band stockt den Betrag für den Gothic Aid e.V. auf 400 Euro auf. Darüber kommt aber die Musik nicht zu kurz, Welle:Erdball lassen ihre Anfänge auferstehen und sie zelebrieren es. Zu „Es ist eingeschaltet“, 1993 das erste Musikvideo der Band, aber auf keinem Album zu finden, zertrümmert Honey mit einer Spitzhacke den Fernseher: „Da wisst ihr gleich, was ich von solchen Kisten halte!“ So lässt sich die ansonsten eher subtile Gesellschafts- und Konsumkritik auch verdeutlichen…

Nach zwei Stunden Welle:Erdball und über sieben Festival-Stunden insgesamt entschwirrt das Publikum in die Nacht – oder zum Weiterfeiern in einen Club. Und Volly Tanner witzelt, dass das nächste Benefiz-Festival im Westen stattfinden könnte, „denn auch die unterentwickelten älteren Länder brauchen Kultur!“  



Autor:
Louisa Knobloch
Photos:
Pressefreigaben


Bumbanet Magazine

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