In die große Vorfreude mischte sich schon vorher die Angst, die die verregnete Autobahnfahrt von Köln nach Frankfurt an den unendlich langen Reihen von Lastwagen vorbeifahrend dominierte. Würde das Konzert so wie vor zwei Jahren sein, beim letzten Gastspiel des Sängers in der Mainmetropole? Als Bonnie „Prince“ Billy im Festsaal des Café KOZ in Frankfurt zusammen mit Matt Sweeney fast ausschließlich Titel seines neuesten, gerade erschienen Albums „Superwolf“ spielte? Es war ein tolles Konzert damals, zweifelsohne. Aber bei diesem Backkatalog des Sängers, dem schier unendlichen Repertoire an großartigen Will Oldham, Palace Brothers, Palace Songs und Bonnie „Prince“ Billy Songs? „Horses“, „You Will Miss Me When I Burn“, „Pushkin“ oder „I am a Cinematographer“, alle diese Songs sollten schließlich gespielt werden und irgendwie in die knappen anderthalb Stunden Spielzeit gepresst werden. Eigentlich kann ein solch hohes Anspruchsdenken ja nur zwangsläufig in großer Enttäuschung enden. Aber muss dies wirklich immer der Fall sein?
Die besondere Atmosphäre des Mousonturms ließ schnell andere Schlüsse zu. Man fühlte sich plötzlich wie in eine andere Welt versetzt, die Dunkelheit des großen Saales schien die Zuschauer zu verschlucken, die schlechte, zigarettengeschwängerte Luft verstärkte die scheinbare Orientierungslosigkeit der Menschen. Als Bonnie „Prince“ Billy nur mit seiner Gitarre in der Hand um kurz nach Zehn unter tosendem Beifall die Bühne betrat – eine gespenstische Silhouette in völligem Kontrast zu der abgedunkelten Bühne, mit geschwärzten Augen und feinem Zwirn – hatte man das Gefühl an etwas besonderem, großartigem, ja, irgendwie historischem teilzunehmen. So redselig und kommunikationsbedürftig hatte man den verschrobenen Folk-Sänger aus Kentucky wohl selten erlebt. War der Titel seines letzten Albums „The Letting Go“ etwa wörtlich zu verstehen? Eine fast schon entspannte Atmosphäre entfaltete sich bis in die letzten Ecken des Saales, die Anekdoten Oldhams, so z.B. die Geschichte der beiden Schwestern, denen er auf der Zugfahrt von den Niederlanden nach Deutschland begegnete und die ihn dazu animierten, über eine ménage à trois zu sinnieren, lösten große Heiterkeit aus.
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Der Mensch Will Oldham ist ein Unikat, eine Art mystisches Fabelwesen, mit dieser ihm völlig eigenen Art sich zu bewegen, dieser seltsamen Mimik, beides wohl Überbleibsel seiner früheren Schauspieler-Karriere. Und natürlich sind da seine Songs, diese kleinen verschachtelten Folk-Perlen, Fabelwesen selbst und aus einer anderen Zeit stammend, die mit seiner einzigartigen Stimme intoniert und nur von der Gitarre begleitet wurden. Gerade diese Stimme und die Wörter, die sie sang, die Bedeutungen, die diese Wörter gewannen, entwickelte in dem dunklen Saal eine Kraft und eine Poesie, die wohl nur solch großen Momenten vorbehalten ist. Die Eingangs formulierte Befürchtung konnte schnell beiseite geschoben werden, Oldham bot mit seiner Songauswahl einen wunderbaren und repräsentativen Querschnitt durch sein musikalisches Oeuvre und sang Songs von „The Letting Go“, „Master and Servant“, „Ease down The Road“, den älteren Palace Sachen und sogar von der EP „Get on Jolly“. Musikalisch waren die Stücke jedoch bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, auch das typisch für Oldham und Bob Dylan nicht unähnlich, lediglich die Texte boten Anhaltspunkte zur Identifikation der Songs.
Nach anderthalb Stunden und gefühlten zehn Zugaben verließ Oldham schließlich die Bühne und mit ihm schloss sich der Zugang zu seiner einzigartigen Welt, einer märchenhaften, traurigen und morbiden Welt, an der er die Zuschauer vorher auf großartige und unnachahmliche Weise hat teilnehmen lassen.