Der größte Schock für mich bei diesem ersten der nur drei in Deutschland dieses Jahr stattfindenden Konzerte von The who war weniger die zu vermissende Lautstärke (die vielmehr auf ein erträgliches Maß heruntergeschraubt war) der einst lautesten Rockband der Welt, als die Tatsache, dass der Altersdurchschnitt des anwesenden Publikums durchschnittlich doch weit über 40, wenn nicht sogar bei 50 Jahren lag. Aber unabhängig davon führten diese sich trotzdem wie Teenies auf, kletterten abwechselnd auf umherstehende riesige Blumenkübel, um den besten Blick auf die Bühne zu erhaschen, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Rücksicht darauf, ob die Fans dahinter noch etwas sehen können.
Man hatte schon das Gefühl, dass ein lange unerfüllt gebliebenes Bedürfnis befriedigt werden musste und dazu schien jedes Mittel recht, insofern brauchen wir uns um die bevorstehende Rentnergeneration keine Sorgen zu machen; die ist fit wie ein Turnschuh. Lediglich das Gekreische wie etwa bei Tokyo Hotel blieb aus. Aber woran liegt der Mangel an jüngerem Publikum? Sicherlich vor allem daran, dass The who seit weit über 20 Jahren keine neuen Songs mehr aufgenommen haben und wer nichts produziert, kommt halt nicht in die Charts. Das soll sich kommenden Herbst ändern und das Konzert wurde auch gleich genutzt, um einiges an neuem Material zu präsentieren.
Schon die Vorband, Casbah club mit Simon Townshend (Pete Townshends jüngerem Bruder) stimmte innerhalb von gerade einmal einer dreiviertel Stunde auf den Mod-Rock ein und verließ die Bühne ohne Zugabe.
Sehr unspektakulär betraten nach einer Umbaupause The who die kleine Arena und eröffneten mit „I can’t explain“ ihren Gig. Immer wieder machte Townshend die zu seinem Markenzeichen gewordenen windmühlenartigen Kreisbewegungen mit seinem Arm und der Kenner wundert sich, wie man derartig mit einem Plektrum noch sauber die Saiten anschlagen kann. Insgesamt leben die Songs besonders von exzessiven Wiederholungen einzelner Riffs und Patterns, so dass sie sich oft auch ins Psychodelische ergießen. Dagegen ist das eher countrymäßig angehauchte „The kids are alright“ ein starker Kontrast. Mit „Who are you?“, „Behind blue eyes“ und vor allem „My generation“, der Hymne der 60er-Jahre-Jugend setzen sie Akzente, die in keinem The who-Konzert fehlen dürfen. Ungewöhnlich erscheint die Sprachlosigkeit von Sänger Roger Daltrey. Wenn es um Ansagen geht, übernimmt Townshend das Mikro, bedankt sich immer wieder und kündigt auch bereits ein Wiederkommen von The who im nächsten Jahr an. Schließlich noch mit „Real Good Looking Boy“ eine Hommage an den King Elvis Presley. Größere Statements zum aktuellen Tagesgeschehen oder politischen Themen bleiben aus, was aber bei einer Band, die sich schon immer einer sorgenfreien, nach Spaß und luxusorientiertem Leben strebenden Jugendkultur verpflichtet fühlte, nicht unbedingt verwundert.
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Nach eineinhalb Stunden ist dann das offizielle Programm beendet und Townshend stellt die mittlerweile auf sechs Mitglieder angewachsene Band dem Namen nach vor. Nur wenige Minuten später eröffnen The who dann mit „Substitute“ den Zugabenblock, gefolgt von „Pinball Wizard“, dem Stück schlechthin von der Rockoper „Tommy“. Da geht dann endlich auch Roger Daltrey aus sich raus und schwingt das in alter Manier mit einem Kabel verbundene Mikro durch die Gegend wie ein Lasso. Nun kann er es sich auch nicht mehr verkneifen, seinen strikt eingehaltenen Bewegungsradius von ca. 2 qm zu durchbrechen.
Es vergehen gerade einmal weitere 20 Minuten und somit ist das Konzert nach weniger als zwei Stunden beendet. Eine sanfte Stimme meldet sich abrupt über die Lautsprecherboxen mit dem Hinweis zu Wort, dass man ein Video dieses Konzertes über Internet bestellen kann, vielleicht eine Möglichkeit, um die Zeit des Wartens bis zum nächsten Jahr zu überbrücken.
Autor: Frank Findeiß Photos:
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland - Bonn