Live: Rock! - Jugend und Musik in Deutschland Ausstellung
Neu
25.5 bis 15.10.2006
Haus der Geschichte
Bonn
Wenn selbst erlebte, zeitgenössische Geschichte ins Museum kommt, dann ist dies ein Indikator für immer schneller werdende Prozesse in der Gesellschaft. So verwundert es also nicht, wenn plötzlich eine Ausstellung mit dem Titel: „Rock – Jugend und Musik in Deutschland“ die heiligen Hallen eines Museums auskleidet, vor allem, wenn es sich dabei um das „Haus der Geschichte“ in Bonn handelt.
Wie der Titel schon sagt, sieht man hier in erster Linie Rock aus deutscher Perspektive. Ich bin kein großer Museumsfan, aber es kam schon lange nicht mehr vor, dass mich ein an sich kleiner Rundgang so in den Bann gezogen hat, dass ich dabei völlig die Zeit vergessen und im Endeffekt fast zwei Stunden lang alles in mich aufgesogen habe. Zuvor musste ich allerdings noch einige, wenn auch gottseidank nur kleine Reden über mich ergehen lassen, die seitens Herrn Dr. Hans Walter Hütter (Vertreter des Präsidenten der Stiftung Haus der Geschichte) die Entwicklung der Rockmusik in Westdeutschland und seitens Thomas Krüger (Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung) in Ostdeutschland anhand einiger biografischer Erlebnisse resümierte. Hervorgehoben wurde besonders die Zusammenarbeit des Hauses der Geschichte mit der Bundeszentrale für politische Bildung, die zugleich Unterrichtsmaterialien für Schulen im Zusammenhang mit der Ausstellung entwickelte. Desweiteren hatte die Ausstellung Ihre Feuertaufe bereits im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, wo sie erarbeitet wurde, bestanden.
Als ein fast schon Urgestein des deutschen Rock war Heinz Rudolf Kunze zu begrüßen, der angesichts seines 25-jährigen Bühnenjubiläums auch sein 25. Album auf den Markt brachte. In einem knapp 50-minütigen Konzert einschließlich Zugabe, mit einer auf ein Duo reduzierten Band, stimmte er das Publikum auf den Eröffnungsabend ein. In dem zuvor vom WDR aufgezeichneten Interview, in dem er u. a. als Musiker, Songschreiber, Schriftsteller (angesichts seiner 7 veröffentlichen Textsammlungen), Produzent und Musical-Übersetzer vorgestellt wurde, stand er Rede und Antwort zu diversen Themen des Rock. So musste er doch einräumen, dass Anfang der 80er Jahre, als er in das Musikgeschäft reinrutschte, noch großzügigere Verträge mit der Musikindustrie ausgehandelt werden konnten. Er selbst bekam seinerzeit bei Warner als unbekannter Künstler einen 5-Jahres-Vertrag. Auf die Frage, wie er denn die technische Entwicklung sehe, bezüglich der manche behaupten, in zehn Jahren gäbe es bereits keine CDs mehr, meinte er, dass ihm die Art des Tonträgers eigentlich egal sei. Wenn man Tondateien z. B. als Raumspray verbreiten könnte, wäre ihm das auch recht, solange er von der GEMA sein ihm als Künstler zustehendes Geld bekäme.
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Nun aber zur Ausstellung: dort empfängt den Besucher als erstes eine Musicbox, also das Ding, wo auf Tastenkombinationswahl kleine auf Vinyl gepresste Singles rauskommen, die dann abgespielt werden. Daraufhin wird zu diversen Devotionalien Elvis Presleys übergeleitet. Was hat Deutschrock mit Elvis zu tun, mag man sich fragen? Nun, es geht hierbei eher um den Funken, der von Amerika mittels Rock’n’Roll auf Deutschland übersprang. In Deutschland wurden die Rock’n’Roller „Halbstarke“ genannt, eine Bezeichnung, die man als die erste Jugendkultur in Deutschland ansehen kann. Auch die Beatles dürfen nicht fehlen, die immerhin von Deutschland ausgehend im Hamburger Starclub mit Ihrer Karriere begannen und dabei von Deutschen wie Astrid Kirchherr und Klaus Voormann unterstützt wurden. Ziemlich parallel zu der Entwicklung in Westdeutschland zeigt die Ausstellung jeweils die Adaption der Jugendkultur in Ostdeutschland und so erfährt man etwas über den Lipsi, eine Art gegenkulturelle Bewegung zur Beatmusik. Musik in Deutschland ist definitiv insofern auch politisch geprägt, was sich im Laufe der 70er Jahre herausstellt. Während der sogenannte „Krautrock“ im Westen etwa vertreten durch „Can“ seine Blütezeit erlebt (ein Teil des Can-Studios ist dort aufgebaut), kämpfen ostdeutsche Bands per Marke Eigenbau um das nötige Equipment, um mithalten zu können. Die 70er sind vor allem in Erinnerung durch die Hippie-Zeit und hier erwartet den Besucher eine Video-Leinwand, auf der man die alten Größen der großen Rockfestivals von Monterrey 1967, Woodstock 1969 und dem weniger bekannten Love & Peace-Festival auf Fehmarn 1970, bei dem Jimmy Hendrix sein letztes Konzert vor seinem plötzlichen Ableben gab, noch einmal bewundern darf, wie etwa auch Janis Joplin.
Wie gesagt, die 70er sind ein Jahrzehnt, in dem Deutschrock zum Politrock avanciert. 1972 betritt Udo Lindenberg, der vor wenigen Tagen 60 geworden und damit auch schon altersmäßig im Kreise der Stones angekommen ist, die deutsche Bühne. Er hat lange Jahre gekämpft, um schließlich tatsächlich im Osten Deutschlands im Palast der Republik auftreten zu können. Umgekehrt wurde Rolf Biermann, der Ziehvater Nina Hagens und Künstler der DDR, aus dem Osten ausgewiesen. Damit öffnet sich auch die Akte Nina Hagen, der ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Zu jeder „Rockstation“, also etwa jedes Jahrzehnt gibt es diverse Hörbeispiele, d. h. Bildschirme, die an Hörer gekoppelt sind, bei denen man per Tastendruck diverse Konzertmitschnitte oder im Falle der Punkwelle Fernsehkommentare aus den Nachrichten zu den Chaostagen in Hannover hören und auch sehen kann.
Damit sind die 80er eingeleitet und natürlich nimmt an dieser Stelle die Neue Deutsche Welle den größten Platz ein. Auch Grönemeyer und Westernhagen haben ihre Vitrine und es ist schon seltsam, wenn man als Besitzer des Bochum-Albums von Grönemeyer dasselbe Cover im Museum betrachten kann. Von einer riesigen Videoleinwand wird man von Mola Adebisi begrüßt, als er noch bei Viva war und gleichzeitig laufen nebenher alte Videos von Falco, Madonna, Genesis etc. Der Nachbau eines Jugendzimmers verdeutlicht auch vom Lebensgefühl her die 80er mit einem alten C64 und diversen Postern ausgestattet. Ein Tischfußball rundet die Sache ab, aber der ist dauernd besetzt. Ca. Mitte der 80er dann der Eklat mit der Einreise von Bap in Ostberlin, nachdem die vorgesehene Tour abgebrochen werden musste bis hin zum Fall der Mauer 1989, der eindrucksvoll wieder einmal mit internationaler Unterstützung durch die erneute Aufführung von „The wall“ durch Roger Waters, dem Bassisten von Pink Floyd damals in Berlin untermauert wird. Im selben Jahr schon das Ereignis der seinerzeit als Demonstration angemeldeten Love Parade durch Dr. Motte, illustriert durch markante Zitate aus Florian Illies „Generation Golf“. Schließlich eine Insel des Rockolymp mit diversen Gold- und Platinschallplatten unter anderem von den „Prinzen“ etc., ein Metallica-Baß, den die Band an Motörhead verschenkte, ein Snare-Fell von den „Beach Boys“ und diverse andere Zeitdokumente. Zuletzt dann noch das leidige Kapitel Rechtsrock mit einem Hinweis auf die auf dem Index stehenden Bands. Jetzt nur noch ins Gästebuch eintragen.
Im Rahmen der Ausstellung, die bis 15.10.2006 stattfinden wird, wird am 24.08. am gleichen Ort auch ein Konzert mit den „H-Blockx“ und den „Sternen“ geben.