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Live: Max Raabe – Konzert im Mannheimer Rosengarten
News
03.12.2006
Mannheim
Rosengarten
Er wirkt wie ein lebendes, vor allem hochelegantes, Fossil und ist doch eines der spritzigsten Talente, die dieses Land je hervorgebracht hat. Er ist knochentrocken, blasiert bis zur Arroganz, dabei feinsinnig und zum Brüllen komisch – absolut vielseitig, wie es sich für Entertainment vom Feinsten gehört. Also etwas, wovon ein Robbie Williams so gar keine Ahnung hat. Denn hier lässt sich das Publikum nicht unterhalten, sondern wird unterhalten.
Und daß bei Max Raabe Geschmack keine Grenzen kennt, zeigt sich an seinem unglaublichen Erfolg, denn nicht nur sorgten der 42-jährige Bariton mit seinem exzellenten Palast Orchester für die musikalische Untermalung der Hochzeit des Schockrockers Marilyn Manson (!), nein, heute geben die 13 Musiker auch fast 200 Konzerte pro Jahr. Nebenbei zählen sie zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Künstlern - von Weltruf: Nach Tourneen durch ganz Deutschland, die Schweiz und Österreich haben Max Raabe & Palast Orchester es bereits bis New York, Rom, Moskau, Paris, Monte Carlo, Montreux und Los Angeles geschafft.
Wohlgemerkt, mit „der unwahrscheinlichsten aller unwahrscheinlichen musikalischen Stilrichtungen: den skurrilen deutschen Schlagern der Weimarer Epoche“, wie ein Kritiker diese bizarre Zeitreise der ganz anderen Art so treffend beschreibt.
Stilvoll im Smoking mit Satinrevers oder Frack samt Fliege und Pomade im Haar, lehnt er da gelangweilt am Flügel, und so trocken und emotionslos, als zitiere er Paragraphen, eröffnet Max Raabe seine Lieder mit göttlich ironischen Worten.
Nasal-blechern, mit einem überrollten „r“, „singt“ er dann, auf diese ganz spezielle Max Raabe-Art, mit diesem Ziehen der Töne, als wären sie aus Kaugummi, und dabei so perfekt den Ton haltend, wie es nur ganz wenige Künstler vermögen.
Er schmettert Schlager, die selbst die junge Generation noch kennt („Ein Freund, ein guter Freund“), seufzt die Halle mit langgezogenen „Uhhhh“s zu begeistertem Mitjauchzen oder verblüfft mit selbstgeschrieben Texten von bösartiger Heiterkeit: „Klonen/Kann sich lohnen/Verlässt Du mich/Dann klon’ ich Dich/Ich hab’ Dein Duplikat/Du bleibst mir erspart...“.
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Der Raabesche Anachronismus wirkt durch seine ironische Überspitzung herrlich, nicht allein sein bekanntester Hit von der telefonischen Einsamkeit eindrucksvoll beweist.
Jenes stets zugrundeliegende Augenzwinkern, das er selbst sich nie gönnen würde, wird gerne mit oft wie zufällig eingestreuten Clous verstärkt. Mal durch Lichteffekte, wenn das gesamte Orchester, so recht zum Text passend, in sattes Grün („Am Amazonas (da wohnen uns’re Ahnen und schmeißen mit Bananen)“und der mittlerweile unvermeidliche Comedian Harmonists- Gassenhauer über eine noch junge, aber wehrhafte Sukkulente) oder tiefes Rot („Roter Mohn“) getaucht wird. Mal durch musikalische Bonbons: Schließlich beherrschen die grandiosen Zauberer des Palast Orchester nicht nur zahlreiche klassische Instrumente, sondern auch Exoten wie Kastagnetten, Rumba-Rasseln oder Klingeln in gewohnter Perfektion. Von dort ist es dann nicht weit zu scherzhaften Soli, bei denen „Kein Schwein ruft mich an“ zur Welttournee zwischen Sirtaki, chinesischen Klängen und brasilianischen Rhythmen gerät, oder Raabe den Spaß auf die Spitze treibt, wenn er den, bereits textlich schreiend komischen, Hit „Amalie geht mit ’nem Gummikavalier“ lautlos vorträgt.
Max Raabe & Palast Orchester sind aber nicht nur begnadete „Scherzkekse”, sondern verstehen es auch, wunderbare Musik zu machen. Denn den The Mamas & The Papas-Klassiker „Dream A Little Dream Of Me“ singt Raabe nicht, sondern, wärmend wie bei einem geliebten Schlaflied, schweben die Worte einfach losgelöst vom Irdischen. Leider wird sein schmerzendes Englisch durch äußerst melodisches Pfeifen kaum wettgemacht. Überhaupt sind Max Raabes Ausflüge in die Welt der Fremdsprachen für geübte Ohren eine Qual, die auch das meisterhafte Spiel der Noten nicht ausgleichen kann.
Dagegen ist die bedachte Auswahl der Stücke, welche zwischen langsamen und schwungvollen wechseln, wobei keines dem anderen gleicht, zu loben. Sie ist jedoch nach der Pause deutlich schlechter ausgefallen, denn während in der ersten Hälfte die Zeit nur so verfliegt, zieht sie sich danach spürbar in die Länge.
Auch war die Akustik leider schlecht ausgesteuert, so dass die Texte oftmals kaum verständlich waren.
Am ärgerlichsten an diesem sonst so hinreißenden Auftritt war aber das Fehlen zeitgenössischer Populärmusik von „Sex Bomb“ über „Oops… I Did It Again“ hin zu “Lady Marmelade”, die diese neurotischen Nostalgiker so einzigartig zu interpretieren verstehen.