Mühsam füllt sich die eher kleine Halle des Brückenforums und so ist es nicht verwunderlich, dass einige Besucher sich erst mal in den Ecken und Nischen verkriechen, bzw. auf den Tischen Platz nehmen, die entlang der Hallenwand stehen. Eine Fotografin des Eventteams geht umher und fragt einzelne (Liebes-)Pärchen, ob sie diese fotografieren darf. Ein stämmiger Typ und frischer Besitzer eines gerade vom Merchandising-Stand erworbenen Apop-T-Shirts wechselt dieses kurzerhand gegen seinen Alltagspulli und vollzieht den Umkleideakt mitten im Raum, um dem typischen Fan einen Schritt näher zu kommen. Wie sieht dieser Apoptygma-Fan aus?
Auch wenn heutzutage sich das Publikum auf jeder Art von Konzert stark vermischt, so erkennt man, dass der eingefleischte Apop-Fan zwischen 30 und 40 Jahre auf dem Buckel hat und einen Hang zum schwarzen Outfit pflegt, wobei die Kleidungsstücke gerne mal mit einem Tribal bedruckt sind. Auch die nackte Haut, die sich angesichts der draußen immer noch vorherrschenden winterlichen Kälte nicht scheut, sich zu zeigen, ist hier und da mit einem Tattoo verziert. Da reiht sich mit engem Leder und Nietengürteln das lasziv wirkende Äußere der weiblichen Fans gerne ins Gesamtbild mit ein, was aus der Sicht eines überkommenen Weltbildes wohl vor wie nach einen Touch von Anrüchigkeit versprüht. Eher seltsam mutet in der ganzen Szenerie der Bierzeltstand an, der vorne im Eingangsbereich in der Halle steht und mit an Gartenlauben erinnernde bunte Glühbirnen-Lichterketten verziert ist. Nicht weniger irritiert ein sehr großes neon-grell leuchtendes Notausgangsschild, das über einen weiten Bereich des Parkettbodens, der nicht vom Publikum besetzt ist, strahlt. Dies sorgt unwillkürlich unterstützend für die bereits herrschende unterkühlte Stimmung. Nur einige wenige Personen, von denen man das Gefühl hat, dass sie sich verlaufen haben müssen, tragen ungewollt zu einer deplatzierten Skurilität bei. Da ist zum einen ein fast zwei Meter großer Typ im beigen Rollkragenpulli, der tatsächlich eine Herren-Handtasche mit Schlaufe trägt und sich später sogar unter die Menge mischt, eine ältere Dame in weiten Gewändern und Hut, die eher an die Hippie-Zeit erinnert und ein abseits mit sich selbst Pogo tanzender Altpunk, der immer wieder mit sich und seinen zu Flügeln ausgebreiteten Armen ums Gleichgewicht kämpft.
Plötzlich tauchen einige Leute auf der Bühne auf und fassen die Instrumente. Man glaubt an Roadies, doch dann startet ein Intro und dann wird das Licht heruntergefahren – eine etwas ungewöhnliche Abfolge. Die erste Vorband steht dort, es ist Punkt 20.00 Uhr und die ersten elektronischen Beats gehen über die Lautsprecher. Tatsächlich steuert ein Bandmitglied die Beat-Box, Schlagzeug Fehlanzeige. Der Sänger hat ein breites Spektrum an Stimmen anzubieten. Während der erste Song noch sehr geröchelt klingt, wie ein Death-Metal-Sänger etwa von Kreator, klingen einige Songs doch eher weich, fast opernhaft. Alles in allem kommt das martialisch-heroische Element der Musik stark zur Geltung, was die Überleitung zu Apoptygma erleichtert. Überhaupt bilden zusammen mit der zweiten Vorband „Carpe Diem“ alle Musik-Acts ein harmonisches Gesamtwerk à la Electro-Pop. Während die erste Band 30 Minuten brauchte, um die ersten Zuhörer in Wallung zu versetzen, bringt es Carpe Diem auf eine knappe dreiviertel Stunde. Hatte man zuvor zeitweise das Gefühl gehabt, sich auf einem Rave zu befinden, stehen nun doch eher Songs im Vordergrund, die dem melodie-verwöhnten Ohr entgegen kommen. Bei „The world is cold enough“, dem dritten Stück von Carpe Diem steht der zuvor ganz im Lackanzug gekleidete Sänger plötzlich mit freiem Oberkörper da und das darunter sich befindende Kleidungsstück erweist sich als Corsage, weshalb ein gewisser Hauch von Androgynität rüber kommt. Beide Vorbands verlassen ohne Zugabe die Bühne und so überlassen Sie dem Headliner das Feld, der nach einer halbstündigen Umbaupause um zehn Uhr der wartenden Menge einheizt.
Schon vor den ersten Takten von Apoptygma ist die Bühne mit dichtem Nebel versehen und verbreitet so die Atmosphäre nordischer Mystik. Der Sänger Stephan Groth betont: „It’s our first time here“, aber der Bonner Fan kann bereits jeden Refrain mitsingen. Vor allem die erste Single-Auskopplung „In this together“ vom letzten Album und die aktuelle Single „Shine on“ führen unweigerlich dazu, dass jeder im Saal die Hände Richtung Decke streckt und dazu im Takt hüpft.
Immer wieder wird das Publikum befragt, ob es noch „some old school“ hören will, also Stücke aus den Anfangstagen. Hier wird demnach strikt getrennt und man kann tatsächlich feststellen, dass die Band doch ganz anders klingt, wenn sie ältere Stücke spielt, die etwas Synthie-lastiger sind, während die neuen Sachen mehr im Hinblick auf die beiden E-Gitarristen arrangiert sind. Zumindest gibt es bei Apoptygma nun auch einen Schlagzeuger, der die elektronischen Beats mit straighten Rock-Rhythmen unterstützt. Schade nur, dass außer Shine on keine weiteren der sonst noch gut gecoverten Songs von der Band gespielt wurden. Nach 1 ¼ Stunden war dann das offizielle Programm beendet, aber schon bei der Verabschiedung erschallten die Apoptygma-Gesänge der Fans, die in Zugabe-Rufen endeten, so dass die Band nicht nur ein weiteres mal auf die Bühne kommen musste, um den Hunger der Fans zu stillen …
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