Heimspiel
für Tocotronic, vor Hamburgs Meute. Natürlich viel Gästeliste
am Start, die fast komplett draußen warten musste. Schade
eigentlich, Turner hätte man sich doch gerne angehört.
Den haben aber nur zahlende Gäste gesehen, ich war froh zu
den ersten Liedern der Tocos aus der ätzenden Kälte in
die angewärmte Freiheit zu kommen!
Gespannt war ich als alter Tocotronic Fan besonders auf die Entwicklung
der letzten Jahre, musikalisch und anhängertechnisch. Hier
waren bei meinem ersten Konzert hauptsächlich Trainingsjackentragende
Abiturienten (Jugendbewegung?). Da fühlte ich mich heimisch
und wohl - heute gibt es Tocotronic immer noch. Irgendwie natürlich
anders, wie wohl jeder mitbekommen haben dürfte. Fans genauso
gespalten: Die Rotweintrinkende Bildungselite (ich liebe das Vorurteil)
umrandete die Jugend vor der Bühne, die die CDs wohl schon
von älteren Geschwistern empfohlen kriegt! Bei denen ging es
während des Auftritts sehr gut ab, hier merkt man, dass die
neuen Songs doch einiges an Party- und Hüpfpotential haben.
In den hinteren Reihen gab es durchweg wissendes Lächeln und
entspanntes Hüftwiegen. Es war hier jedem bewusst, einen großen
Moment in dem kleinen Hamburger Rockmusik Kosmos zu erleben.
Die Band, die diese Zufriedenheit rechtfertigen sollte, stand oben
auf der Bühne, ganz nah und sehr locker. Eine zweite Gitarre,
ab und ein Keyboard und die Klamotten zeugten rein optisch vom Wandel.
Die Setlist war eine gesunde Mischung aus Classics und neuem Zeug.
faszinierend ist, wie die alten Sachen kein Stück an Aktualität
verloren haben und immer noch zumindest beim knackigen Teil des
Publikums kollektive Begeisterung auslösen. Die neuen Sachen
hatten die selbe Wirkung, sofern sie rockten wie "Let there
be Rock" oder "Hi Freaks". Die ruhigeren, stimmungsvolleren
Songs wurden ebenso bejubelt, dennoch hat mir persönlich hier
viel gefehlt. Obwohl sie auf Platte funktionieren, fehlte mir hier
im Livekontext was. Die Richtung der Songs kam schlecht rüber,
es klang häufig mehr wie ein Versuch als wie ein überzeugend
gefühlvolles Stück. Schade eigentlich, denn die Songs
sind definitiv gut.
So Tocotronic, Danke für den Abend! Die Band, die mein Leben
geprägt hat, tut dies nicht mehr. Aber man mag sie noch, sie
sind auch weiterhin wichtige Identifikationsfiguren für die
Rockmusik Hörerschaft. Eine Band im Umbruch hat nun scheinbar
einen befriedigenden Weg gefunden und hat einen verdient gefeierten
Auftritt zu Hause abgeliefert.