Lange Zeit wurden die Lostprophets aus Wales unterschätzt, auch wenn ihr letztes Album „Start Something“ die UK-Top-5 und in den Staaten immerhin Platz 33 der Billboardcharts erreichte. Nun soll mit „Liberation Transmission“, dem dritten Werk, der endgültige Durchbruch gelingen, dazu setzen die Lostprophets alles auf Massentauglichkeit und catchy Melodien. Ian Watkins (Gesang) und Jamie Oliver (Keyboard) geben Auskunft...
Könnt Ihr die ewig kursierenden Gerüchte über das Albumcover von „Start Something“aufklären? Ist das nun Justin Timberlake oder nicht?
Jamie: Wir haben dieses Gerücht aus Spaß in die Welt gesetzt.
Ian: Er war es, ist aber dann abgehauen.
Jamie: Nur sein Schatten blieb da, also mussten wir das mit jemand anderes füllen. Nein. Wir sind bekannt dafür, solche Dinge zu machen. Jemand sagte: „Der Typ sieht aus wie Justin Timberlake“, und wir antworteten „Ja, stimmt.“ Als nächstes dachten alle, das er es wirklich ist. Also halten wir es mal so: Irgendwie ist er es ... oder auch nicht.
In eurer Heimat Wales hat sich eine populäre Musikszene entwickelt. Bullet for my Valentine und Funeral for a Friend sind sehr erfolgreich. Fühlt ihr euch als Wegbereiter?
Ian: Definitiv. Auf eine bestimmte Weise haben wir den Weg geebnet. Wir waren damals die erste englische Band, die in dem Alter mit Erfolg solche Musik gemacht hat. Jeder schaute auf Wales. Und dann wurden Funeral (for a Friend) und Bullet (for my Valentine) gesignet. Bullet sind sogar auf dem selben Label (Visible Noise) wie wir. Und sie wären nicht in der Lage, ihr Ding zu tun, wenn wir nicht das Geld dazu verdient hätten. Wir haben definitiv Anteil an der Entwicklung.
Jamie: Für uns öffnete sich damals eine Tür, durch die wir gehen konnten. Und hoffentlich haben wir das selbe für Wales getan. Den Leuten die Möglichkeit gegeben, zu bemerken, das es existiert.
Gibt es Rivalitäten zwischen den Bands?
Ian: Wir wissen ja, wer der Anführer ist... (lacht)
Wo lebt Ihr gerade?
Ian: Nirgendwo.
Jamie: Keiner von uns.
Ian: In Hotels, egal wo. Mein Zeug ist bei meinen Eltern in Wales.
Also seid ihr quasi obdachlos?
Jamie: Das ist okay. Es bedeutet, dort zu sein, wo man sein soll. Das zu tun, was man tun soll. Es ermöglicht uns, sich auf das wichtige im Moment zu konzentrieren. Da sein, und den Leuten die Chance geben, von unserer Platte zu erfahren.
Es muss merkwürdig sein, kein Zuhause zu haben.
Jamie: Manche meinen, es wäre merkwürdig. Aber wir sind lange genug dabei um zu wissen, dass eine Tour vierzehn oder fünfzehn Monate gehen kann. Es macht da irgendwie keinen Sinn, für ein Zuhause zu bezahlen, wenn man nicht da ist. Und außerdem: wer weiss, was mit der neuen Platte passieren wird? Wir sind ständig unterwegs an neuen Orten, was fantastisch ist. Ich will mich nicht jetzt schon irgendwo
niederlassen, bevor ich nicht den Rest der Welt gesehen habe.
Ist das der Preis für das Musiker-sein?
Ian: Die anderen Jungs haben Häuser. Es ist einfach so, dass wir noch nicht entschieden haben, wo wir leben wollen. Es macht uns Spaß.
Jamie: Ich sehe das nicht als Preis, nicht als Nachteil in irgendeiner Form. Ich sehe das als Teil meines Lebensstils. Es ist doch gut für die Band, dass ich immer da sein kann wo wir sein sollen. Es ist meine Entscheidung, und da ist nichts Negatives dabei. In meinen Augen ist es positiv.
Kommt ihr mit euren Studien voran?
Ian: Ich habe meinen Abschluss in Grafikdesign. Jamie: Ich meinen in bildender Kunst. Meinen Master habe ich nicht zu Ende gemacht, weil die Band startete. Ich setze da erstmal aus. Die Leute an der Universität waren cool. Ich werde zurück gehen, wann immer ich hier fertig bin. Was wahrscheinlich niemals ist. Was soll´s. Man muss jede Chance nutzen und das Beste daraus machen.
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Mike (Chiplin, ex- Drummer) ist letztes Jahr ausgestiegen. War Ilan Rubin (der
neue) bereits bei den Aufnahmen dabei?
Ian: Er hat zwei Songs mit aufgenommen. Den Rest hat Josh Freeze erledigt. Er war auch bei der Vorproduktion dabei. Der Mann, der immer da ist, wenn man einen Studiotrommler braucht (The
Vandals, A Perfect Circle, Queens of the Stone Age, Seether, Nine Inch Nails, The Offspring...)
Jamie: Und es gibt einen Grund dafür: er ist der Beste weit und breit. Der Typ ist unglaublich. Er hat mit Bob (Rock – Produzent) oft gearbeitet und sie können gut miteinander. Josh hat überhaupt kein Ego. Bob kann ihm sagen, was zu tun ist, und Josh macht einen fantastischen Job. Er hat elf Songs in zwei Tagen eingespielt. Das ist ziemlich phänomenal.
Was uns zu dem Herren bringt, den ihr „Bob“ nennt. Für den Rest der Welt ist er DER MANN, eine Legende. Wie war die Arbeit mit ihm?
Jamie: Ach ist das sein Familienname, das wusste ich gar nicht? Im Endeffekt haben wir eine erstaunliche Beziehung aufgebaut. Wir haben eine Menge Respekt für ihn. Aber die Arbeit war hart. Eine emotionale Achterbahn. Er hat uns angetrieben, um das bestmögliche zu erreichen. Viel Blut, Schweiss und Tränen. Er war absolut ehrlich mit uns, das schätzen wir sehr. Er hat uns solange bearbeitet, bis wir das Beste hatten. Das Album hat dadurch gewonnen. Am Ende mussten wir ihn einfach aufrichtig lieben, weil er uns an uns selbst in ein paar Jahren erinnerte. Wenn ich Bob Rock wäre, und ein paar vorlaute Kids aus Wales würden im Studio auftauchen, würde ich ihnen auch die Meinung sagen.
Wie kamt ihr zusammen? Man sucht ihn ja nicht im Telefonbuch raus und klingelt durch...
Ian: Doch, wir haben unter „R“ nach den „Rocks“ gesucht. Da war Chris Rock, Kid Rock, The Rock und dann Bob Rock. The Rock war damals der interessanteste Gesprächspartner.
Jamie: Wir hatten irgendwann die Idee, was mit ihm zu machen. Unser Management (Q Prime, Management von Metallica) rief ihn an und er war dabei. So einfach.
Ian: Aber er hätte es nicht getan, wenn er die Band nicht mögen würde. Er gibt immer alles. Er mochte wohl einige Sachen auf der letzten Platte und sah Potential.
Könnt ihr die Arbeit beschreiben?
Jamie: Du kommst mit einer Idee, und er sagt dir, sie ist Scheisse. Dann wirst du sauer, kommst mit einer anderen Idee, und er sagt dir, sie ist Scheisse. Dann kommt er mit einer Idee, und du sagst ihm, sie ist Scheisse. Dann haut er für zwei Stunden ab. Wenn er wieder da ist, kommst du mit einer anderen Idee, und er sagt „Da ist vielleicht was dabei.“ Und plötzlich schlägt die Atmosphäre um, und es brennt förmlich. Jeder ist erregt, und wir drehen alles voll auf. Und das, was der Song werden sollte, wird zum Refrain. Es ist brilliant. Alles basiert vollkommen auf der Leidenschaft und der Liebe zur Musik. Es gab nicht einen Moment, an dem es keine Spannung gab. Gute oder schlechte.
Habt ihr jeden Tag gearbeitet?
Ian: Ja, etwa von Mittag bis zehn Uhr abends.
Jamie: Die gesamte Aufnahme, mit Schreiben und Vorproduktion, dauerte etwa zwei Monate. Hart war die Zeit, als wir über die Entfernung arbeiten mussten. Wir hatten 30 Songs, die wir Bob schickten. Er gab uns Feedback, wir änderten einiges, von dem wir dachten, dass er diese Stellen meinte, und schickten das Material zurück. Er schickte es wieder zu uns, mit dem Kommentar „Was macht ihr da?“. Wir schickten es wieder zu ihm mit der Antwort „Wir tun, was du gesagt hast. Was wir für eine gute Idee hielten“. Ich bin irgendwann zusammengebrochen und habe gar nicht mehr gearbeitet. Das ging mehrere Monate so. Produktiv wurde es erst, als er rüberkam, und mit uns in einem Raum sass.
Ist er während der Arbeit komplett auf eine Band fokussiert, oder springt er von Baustelle zu Baustelle? Eigentlich müsste er doch mit der neuen Mötley Crüe alle Hände voll zu tun haben.
Jamie: Nein, er ist die ganze Zeit da und hat die Finger drauf. Da ist niemand, der ihm was abnimmt. Er macht alles allein.
Das war das zweite Mal, das ihr, weg von zu Hause, in den Staaten aufgenommen habt.
Jamie: „Start Something“ haben wir in Los Angeles aufgenommen. Aber jetzt war es das erste Mal, dass wir mit fast fertigen Songs ins Studio gingen. Bob hätte keinen Fuss in den Aufnahmeraum gesetzt, wenn die Songs nicht gut genug für die Aufnahme gewesen wären. Er sagte „Ob ihr acht oder fünf Songs fertig habt-das wird alles sein was wir aufnehmen“. Unglücklicherweise hatten wir dreizehn bis vierzehn Songs, die er als aufnahmetauglich befand. Sie haben sich zwar etwas verändert, wir haben ein paar Sachen hinzugefügt. Aber es war schön, für zwei Monate ins Studio zu gehen, und einfach nur zu spielen, ohne sich Gedanken über das Schreiben machen zu müssen. Zwei Monate Zeit, um zu spielen. So hart und so gut du kannst. Ian (Watkins) sagte immer, man kann sehen, warum James (Hetfield) und Lars (Ulrich -beide Metallica) nach der Arbeit eine Weile nicht mit Bob sprachen. Es ist so intensiv, dass man einigen Abstand braucht. Aber am Ende steht viel Liebe, Bewunderung und gegenseitiger Respekt.
Es muss prima gewesen sein, auf Hawaii zu arbeiten.
Jamie: Eine gute Ecke um sich zu konzentrieren. Manche mögen meinen, es sei zu viel Ablenkung, aber es ist genau das Gegenteil. Du lebt dort sehr gut, es gibt gutes und gesunden Essen. Du bist voller Energie, weil Du am Meer oder am Strand bist. Du fühlst Dich einfach gut in dir selbst. Und es gibt nicht viel anders zu tun, als sich auf das Artwork, die Songs und die Texte zu konzentrieren. Und, Gottseidank, waren die Songs fertig, bevor wir dorthin kamen. Ansonsten wären wir viel zu relaxt gewesen, und hätten nur
einen Haufen Akustiksongs gehabt. (lacht). Stimmt nicht.
Das Album heisst „Liberation Transmission“. Im Moment wird viel von „Freiheit bringen“ gesprochen. Sei es im religiösen Sinn, sei es politisch.
Ian: Ich meine das weniger global, sondern eher persönlich. Sich selbst von unglücklichen Gedanken zu befreien. Sei es deine Beziehung oder dein Job. Sich an sein Leben, an seine Freiheiten zu erinnern. Anstatt sich ständig zu beschweren, sollte man die Veränderung suchen und etwas unternehmen. Aktiv sein.