| Als Journalist fühlt man sich immer etwas seltsam, wenn der Gesprächspartner plötzlich den Spieß umdreht und selbst die Fragen stellt. So wie neulich abends, als ich die Queensbridge-Legende Big Noyd kurz vor einem Auftritt in Virginia endlich an die Strippe bekomme. Bevor ich überhaupt etwas sagen kann, will er zunächst von mir wissen, wie alt ich sei und ob ich schon mal von ihm gehört hätte. Nach meiner Antwort atmet er einmal tief durch und begründet seine Vorfrage: „Du weißt also Bescheid, das ist gut. Ich komme nämlich gerade von einer siebenstündigen Autofahrt, und eben hatte ich ein Mädchen am Telefon, die dachte, ich sei so ein junger Typ, der gerade mit seiner ersten Platte herauskommt. Aber du weißt, was los ist.“
Das stimmt schon irgendwie. Big Noyd begleitet mich in meiner Rap-Sozialisation seit ziemlich genau zehn Jahren, nämlich seit dem ersten Mobb Deep-Album „Juvenile Hell“, das 1993 erschien und auf dem Noyd einen Featurepart hatte. Über dieses Feature sagt Noyd heute: „Ich wollte damals eigentlich überhaupt nicht rappen. Natürlich habe ich Rakim und Big Daddy Kane gehört und ein bisschen für mich selbst gerappt. An jenem Tag hing ich aber einfach mit meinen Homies Havoc und Prodigy von Mobb Deep herum. Dann gingen wir ins Studio, wo sie mich spontan fragten, ob ich nicht auch auf ihrer Platte reimen wolle. So fing alles an.“
Es ging dann weiter mit Features auf den nächsten Mobb Deep-Alben „The Infamous“ und „Hell On Earth“, und die Rap-Gemeinde gewöhnte sich an den MC mit dem eleganten Gangster-Flow als eine Art drittes Mobb-Mitglied. „Hav und Pee sind wie Brüder für mich. Ich kenne sie, seitdem ich vierzehn bin. Es ist inzwischen unvorstellbar, dass ein Mobb Deep-Album ohne mich erscheinen könnte. Aber trotzdem sah ich mich immer als Solo-Künstler, und die Leute fragten mich auch immer, wann denn nun mein Soloalbum herauskommen würde.“
Noyd’s Weg ging weiter über ein paar eigene Twelve-Inches und dann sogar eine Solo-EP mit dem Titel „Episodes of a hustla“. Das war 1997. „Als ich damals den Deal mit Tommy Boy bekam, geschah das auch eher zufällig. Ich bin einfach nicht der typische Rapper, der den ganzen Tag nur Reime schreibt und versucht, einen Plattenvertrag zu bekommen. Ich hatte einen Auftritt zusammen mit Mobb Deep und danach kam ein A&R Manager zu mir und meinte, dass er meine Art zu reimen großartig fände und dass er mich gern unter Vertrag nehmen würde. Ich habe damals geantwortet: ‚Ich will gar nicht unbedingt eine Platte aufnehmen, aber wenn ihr meint, dass ich das tun sollte, dann mache ich das.’“
Doch die EP ging im Trubel um einen Prozess unter, den Noyd wegen unerlaubten Waffenbesitzes und mehrerer kleinkrimineller Aktivitäten führen musste. Die Rap-Karriere lag erst mal auf Eis, denn Noyd hatte bedeutendere Dinge im Kopf. Ihm drohte eine langjährige Haftstrafe, so dass er natürlich erleichtert war, als die Anklage schließlich fallen gelassen wurde. Doch auch danach hatte er wichtigeres zu tun, als sich direkt wieder vor seine Reimbücher zu setzen. Rap interessierte ihn zu dieser Zeit kaum.
„Heute realisiere ich, dass ich viel schneller wieder auf die Beine gekommen wäre, wenn ich mich einfach auf meine Karriere konzentriert hätte. Ich war ein Idiot, weil ich nicht verstand, wie hart das Musik-Business eigentlich ist. Deshalb konnte ich auch nicht anerkennen, wie gut es war, einen Deal zu haben. Das musste ich erst verstehen. Ich sehe diese Zeit heute als Lektion an.“
Eine Lektion, die lange vorhielt. Erst letztes Jahr hörte man wieder von Noyd, als Mobb Deep Tracks von ihrem „Free Agents“-Mixtape auf White Label unter die DJs brachten. Hits wie „Double Shots“, „Bump That“ oder der Noyd-Solotrack „Shoot em up (Bang Bang)“ gaben ihm einmal mehr die Chance, mit seinen zum Teil simplen, aber immer exakten Punchlines zu überzeugen.
Am 23. September erscheint nun endlich das erste richtige Soloalbum, und schon der Titel macht klar, dass es sich hier immer noch um strikten Queensbridge-Gangster-Sound handelt: „Only the strong“ wird das Werk heißen, eine Reminiszenz an den legendären Mobb Deep-Track „Survival of the fittest“, dessen Chorus lautet: „We live in this till the day that we die / survival of the fittest, only the strong survive“. Für Noyd ist dieses „Only the strong“ eine so ernste Lebenseinstellung, dass er sich diese Worte sogar auf den Bauch tätowieren ließ.
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