| Die Microphone Mafia ist gerade im Ruhrpott und der Kölner Umgebung schon lange kein unbeschriebenes Blatt mehr. Ein paar Jährchen haben sie auch schon auf dem Buckel. Aber gehen wir mal davon aus, dass noch nicht alle die Mafia kennen. Falls es so sein sollte, wird sich das nun ändern.
Was mit von ihnen veranstalteten Discos im Jugendzentrum anfing, ging mit der Frage, warum sie eigentlich nicht einfach selbst Musik machen würden, weiter. Sie standen alle total auf Hip Hop und liebten diese Musik. Anfangs wurde erst immer auf Texte von anderen gerappt und sich eher zurückgehalten.
„Das erste, was wir gemacht haben: Wir haben uns die Jacken geholt und unsere Namen drauf geschrieben. Dann sind wir erstmal zwei Jahre nur mit den Jacken rum gelaufen. Eigentlich hat sich das alles irgendwie ergeben. Rossi meinte irgendwann, er wolle aber auch auf Italienisch und Neapolitanisch rappen, weil er Englisch nicht so gut konnte, und ich fing dann mit türkischen Raps an. An deutsche Raps war da eigentlich noch nicht zu denken, damit fingen wir erst später an.“
Der legendäre Dreisprachenmix war also am Anfang eher Zufall statt eines ausgefeilten Konzepts. Dafür lief es aber hervorragend. Die erste Veröffentlichung war der Track „International“ auf einem Hip Hop Sampler, der damals vom Stadtmagazin PRINZ aufgrund der neuesten rechtsradikalen Krawalle zusammengestellt wurde. Wenig später erschien ein weiterer Sampler: "SOS Deutschland! Stop Faschismus! Stop Rassismus" bei DAY-GLO Records. Sie sind mit dem türkischen Sänger Bülent Eskimez in "Insanlar" und dem Anti-Rassismus-Stück "Sieh hin, schau nicht weg!", einer Kooperation Kölner Rapper unter dem Namen "Rheinreime", dabei. Damals war es genau so wichtig wie heute, sich gegen Rechtsradikalismus auszusprechen, und da das Thema auch aufgrund aktueller Anschläge in den Medien war, gab es auch genug Sponsoren und Veranstalter. Medien gegen Rassismus war auch 1995 wieder ein großes Thema. Wie sollte es anders sein: Plötzlich drehte fast jeder einen antirassistischen Clip, manche aus richtigen, andere aus falschen Beweggründen.
Ein Zitat aus der Biographie der Jungs ist wohl an dieser Stelle angebracht: „Sony bringt in Zusammenarbeit mit einer Initiative eine Compilation heraus, Titel - wie sollte es anders sein - "Hand in Hand". Mit von der Partie u.a. Fettes Brot, Advanced Chemistry, die Fantastischen 4 und natürlich auch die Microphone Mafia. Sony bringt "Hand in Hand" noch mal als Single heraus und lässt uns einen aufwendigen Drei-Minuten-Video-Clip drehen. Die Enttäuschung ist groß, als VIVA den Clip nicht auf Hot Rotation setzt. Overkill in Sachen Antirassismus.“
1995 war an es an der Zeit, endlich ein Album zu produzieren. Als ihr A&R- Manager bei SONY die Firma verließ, gingen sie gleich mit. Da war er hin, der erste Majordeal. Aber Kutlu, Rossi und Önder ließen sich davon nicht ablenken. 1996 erschien „Vendetta“ bei Day-Glo Records – übrigens auch mit deutschen Texten. Das Album wurde durchweg überall positiv aufgenommen. Ohne viel Budget ging es nach Istanbul, wo sie direkt zwei Videos drehten. Aber es passierte noch etwas anderes interessantes: Die Gruppe Cartel, türkische Rapper aus Deutschland, wurden zu dieser Zeit gerade Megastars in der Türkei. Hip Hop und Rap standen dort noch ganz am Anfang. Die Mic Mafia bekam die Möglichkeit, auch in der Türkei zu veröffentlichen. „Vendetta“ erschien schließlich auf Kassette und CD bei ADA Müzik, einer kleinen Firma in Istanbul.
Zwei Jahre später war die Mafia wieder um einen Majordeal reicher. BMG/Chlodwig hieß nun ihr neues Zuhause. Zwischenzeitig kam immer wieder Samplerbeiträge oder Singles heraus. Doch plötzlich gab es ein Problem: Multikulti-Texte waren auf einmal ein Hindernis. „Als Multikulti- Vorzeigekids waren wir immer willkommen, solange es um irgendwelche Antirassismus-Aktionen ging. Bloß nicht, als es darum ging, unser Album im Radio zu spielen, unsere Singles auf die Playlist irgendeines Senders zu setzen, unsere Videos auf Hot Rotation im Fernsehen zu zeigen. „Das versteht ja keiner, was Ihr da von Euch gebt“, hieß es nur allzu oft hinter vorgehaltener Hand. Deshalb ab sofort kein Wort Türkisch mehr, kein Wort Neapolitanisch, kein Englisch, eine einzige Textzeile italienisch - ansonsten alle Rhymes auf Deutsch! Das zweite Album „Microphone“ erschien im Oktober 1999. Es hatte wenig gemeinsam mit „Vendetta“ gemeinsam. Wir wollten einfach mal was Neues ausprobieren. Die erste Single war „Farbe des Geldes".
Wie es der Zufall so will, war der Song plötzlich hochaktuell. Und brisant. Die Medien hatten kein anderes Thema mehr als die CDU-Spendenaffäre. Im Video der drei Jungs sah man viele Beteiligte dieser Affäre, von Kohl bis Kanther. Die Fernseh- und Radiostationen sahen sich nicht in der Lage, den Clip zu spielen. Nicht weil er schlecht war, sondern einfach zu kritisch. Am Ende der Geschichte waren sie ihren Majordeal wieder los. Aber was soll´s. Auch die Jungs mussten erstmal diese Erfahrungen machen, um zu wissen, was das Richtige für sie ist. Auch sie haben Rapper kommen und gehen sehen und mussten miterleben, wie große Firmen das Thema HipHop für sich entdeckten. Booms kamen, Booms gingen, doch eins blieb: Die Microphone Mafia.
„Wer sich lange in der Musikindustrie und dem Business herumtreibt, macht seine Erfahrungen ganz von alleine. Wir waren insgesamt bei drei Major Companies unter Vertrag. Wir haben erlebt, wie riesige Summen ausgegeben wurden, mit denen nichts bewirkt wurde. Und wir haben erlebt, wie dann kein Etat mehr da war für Dinge, die sehr viel weniger gekostet, aber vielleicht mehr bewirkt hätten. Jeder, der für Plattenfirmen arbeitet, gibt sicher sein bestes, daran haben wir keinen Zweifel. Ob das Beste immer das Richtige ist, das ist eine andere Frage. Große Companies bewegen sich oft in eingefahrenen Bahnen, und da ist es manchmal nicht einfach, ungewöhnliche Wege einzuschlagen.“
Kutlu, Önder und Rossi sahen das aber eher als positives Zeichen, und so entschlossen sie sich vor zwei Jahren, die Zusammenarbeit mit größeren Plattenfirmen zu beenden und sich aus den oft eingefahrenen Wegen zu befreien. Das Label „Al dente Records“ wurde geboren. Als dann auch noch ein Exklusivvertrag mit Pirate Records und ein Vertriebsdeal mit Sony zustande kam, verschaffte die Firma den Jungs das, was für sie so wichtig war: Unabhängigkeit! Es wäre ja auch schade, wenn Kutlu, Senior Rossi und Önder nach mittlerweile 14 Jahren im Musikgeschäft nicht sagen könnten, dass sie ihre Träume wenigstens zum Teil verwirklichen konnten und immer noch Zielen entgegenstreben. „Wir machen unsere Platten selbst, wir promoten unsere Platten selbst, wir entwickeln unser eigenes Artwork, wir drehen unsere Videos selbst, wir buchen unsere Gigs selbst. Wenn wir Fehler machen, sind es wenigstens unsere eigenen Fehler. Und wenn wir Erfolg haben, ist es unser eigener Erfolg.“
Und die erste Veröffentlichung war natürlich ihr eigenes Werk: „Infernalia“. „Wir waren und sind mächtig stolz auf dieses Album. Die bedeutungslosen Reime vieler Rapper waren nie unser Ding und werden es auch nie werden. Die Mafia redet lieber Klartext statt Nichtssagendes in die Welt zu setzen. Es war für uns ein riesiger Schritt nach vorn.“ Es wurde wieder auf Italienisch und Türkisch gerappt und auch türkische, italienische und sogar tibetanische Samples waren zu finden.
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