| Das Label Aggro Berlin steht seit mittlerweile zwei Jahren für Rap mit expliziten Texten und rohen Beats. Der wohl bekannteste Aggro-Act ist das Westberliner Duo A.i.d.S. (Alles ist die Sekte), das aus den beiden Rappern/Produzenten B-Tight und sido besteht. Seit fast fünf Jahren mischen die beiden mit ihren Tapeproduktionen die deutsche Rapszene auf und polarisieren dabei mit einer punkesquen Attitüde und Geschichten direkt von der Straße. Nachdem Aggro Berlin dieses Jahr mit dem Labelsampler „Aggro Ansage Nr. 2“ und Bushidos Soloalbum respektable Erfolge erzielte, war die Zeit für A.i.d.S. gekommen, den Nachfolger zu ihrem legendären Tape-Album „Royal TS Nr. 3“ zu präsentieren. „Garnich so schlimm“, so der Titel ihrer neuen 9-Track-EP, war der Anlass für ein Gespräch mit dem 22jährigen sido über die Anfänge im Untergrund und die Ambitionen im Mainstream...
Bumbanet: Also, wie fing es damals in Westberlin mit euch an?
sido: Bobby [B-Tight] und ich haben 1998 angefangen, zusammen Musik zu machen. Weil damals ein paar Leute immer im Royal Bunker abhingen, mit denen wir uns gut verstanden haben, waren wir auch viel dort. Als wir sahen, dass Savas mit Westberlin Maskulin Tapes gemacht hat und die Dinger wirklich verkauft wurden, wollten wir das auch. Also haben wir unter dem Namen Royal TS das Tape „Wissen Flow Talent“ aufgenommen, das in einer 100-Stück-Auflage erschien.
Bumbanet: Euer späteres Albumtape „Royal TS Nr. 3“ war eines der bestverkauften Tapes überhaupt. Ich habe einmal die Zahl von 8000 verkauften Exemplaren gelesen.
sido: Mittlerweile dürften das sogar noch mehr sein. Aber weil das „Album Nr. 3“ sozusagen schon das erste professionelle Produkt war, haben wir solche Verkaufszahlen eigentlich auch erwartet.
Bumbanet: Was war es konkret, was ihr an deutschem Rap ändern wolltet?
sido: Den ganzen Flavour. Mir hat hier immer die Straße gefehlt. Ich habe einen anderen Hintergrund als die Leute, die sonst in Deutschland rappen. Ich meine, ich habe mit Bobby früher in einer verdreckten 160-Marks-Wohnung gelebt, bei der die Toilette im Treppenhaus war. Die Wohnung hatte keine Dusche, sondern nur ein Waschbecken im Zimmer, und es gab viele Mäuse dort. Wir haben nur Rap aus Amerika gehört, hauptsächlich Westcoast-Gangster-Sachen, denn nur diese Rapper haben von den Dingen erzählt, die wir auch kannten. Mein Lieblingsalbum war immer Snoop’s „Doggystyle“. Hier in Deutschland haben dagegen sogar die Rapper, die eigentlich von der Straße kommen, in ihren Texten eher auf nette Schwiegersöhne gemacht.
Bumbanet: Nach ein paar Tapes habt ihr euch von Royal TS in A.i.d.S. umbenannt.
sido: Genau. Wir mussten diesen Namen loswerden. Royal TS stand für unser Ex-Label Royal Bunker und für Tight und sido. Als wir nicht mehr mit Royal Bunker zusammengearbeitet haben, musste das „Royal“ also aus dem Namen. Deshalb haben wir einen neuen Namen gesucht und sind dann auf „Alles ist die Sekte“ gekommen. Schön anstößig, schön Punk. A.i.d.S. sind Bobby und ich, und die Sekte ist unsere Crew. Die Sekte ist Duck Down, und wir sind Smif-N-Wessun.
Bumbanet: Wer gehört denn noch alles zur Sekte?
sido: Früher gab es sehr viel mehr Mitglieder, aber einige mussten wir leider ausschließen. Definitiv gehört noch Mesut dazu, der auch auf unserem Album ist und gerade sein Soloalbum mit dem Namen ‚1001 Ghettonacht’ aufnimmt. Dann noch Tony, der früher bei Bassboxxx war. Und unser neuester Zugang ist Mok, der aber zur Zeit im Knast sitzt. Ich will jetzt nicht unbedingt Namen nennen, aber es gibt viele Leute in Berlin, die nicht so sind, wie sie sich geben. Die denken, dass die Tatsache, dass sie aus Berlin kommen, ihnen schon eine Grundhärte verleiht. Aber ihre Eltern sind Ärzte, und sie erzählen vom Abziehen. Nur kenne ich wiederum die Leute, die diese Typen schon abgezogen haben. Deshalb kann ich auch mit Mok cool sein, weil der genau so gelebt hat wie ich.
Bumbanet: Erklärst du mir bitte den Albumtitel „Garnich so schlimm“?
sido: Wir haben uns gedacht, dass die Leute sich schon so tierisch einpissen vor uns, dass wir ihnen mal sagen müssen, dass wir gar nicht so schlimm sind. Wenn man sich A.i.d.S. nennt, das passt schon mal irgendwie nicht in die Szene. Das können viele Leute nicht ertragen. Alleine wenn einer ein Konzert veranstaltet, dann kann er uns nicht buchen, weil er Angst davor hat, ganz groß A.i.d.S. auf seine Flyer zu schreiben. Es geht uns ja nicht darum zu sagen, dass die Krankheit Aids nicht schlimm ist, sondern dass die Gruppe A.i.d.S. nicht so schlimm ist, wie die Leute denken. Natürlich ist das auch ein bisschen anstößig gemeint.
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