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Interview: A.i.d.S. – Alles ist die Sekte (2/2) News

Bumbanet: Wie sieht denn eure Arbeitsweise bei der Beatproduktion aus?

sido: Jeder von uns macht Beats und packt die Dinger in ein Archiv. Wenn dann jemand einen Beat braucht, dann schaut er da nach und greift sich einen davon. Wir arbeiten ausschließlich mit dem PC und benutzen fast keine Samples, sondern spielen alles selbst ein. Sekte-Beats bedeuten fette Synthie-Sounds. Das ist auch der größte Kritikpunkt, den die Leute an unserer Musik haben. Viele können sich einfach nicht auf neue Sachen einlassen. In den USA haben sie auch erst an Timbaland herumgenörgelt, und jetzt ist er einer der Größten. Wir kennen es allerdings nicht anders. Früher haben wir Beats mit der Play Station gemacht und das Beste aus diesen Sounds herausgeholt. Wir haben nie groß mit Samples gearbeitet, deswegen ist es für uns ganz normal. Beats machen geht bei uns auch extrem schnell, genau wie Rappen. Ich höre den Beat, überlege mir ein Thema und einen Text, und dann gehe ich in die Kabine und rappe das Ding ein. Genau wie früher, als wir mit dem Mikro in der Hand vor unserer Vierspur standen.

Bumbanet: Ist das auch ein Authentizitäts-Faktor in eurer Musik?

sido: Die Authentizität kommt schon daher, dass wir beide authentisch sind. Ich habe viel erlebt, aber ich bin nicht unbedingt stolz darauf. Leute, die nicht authentisch sind, geben mit solchen Dingen an. Wenn jemand zum Beispiel ganz stolz davon erzählt, dass er im Knast war, dann kann ich ihm das nicht abnehmen. Das ist für mich billig und überhaupt nicht authentisch. Jeder harte Gangster, egal wie hart er ist, sitzt im Knast und bereut, was er gemacht hat. Vielleicht kriegt er noch von seinem Zellennachbarn in die Fresse. Authentizität bedeutet für mich persönlich, dass ich versuche, mit meiner Musik mein Leben besser zu machen und Spaß zu haben. Ich rappe einfach aus einem anderen Grund als andere Leute.

Bumbanet: Ihr habt auch eine Hymne an das Märkische Viertel auf dem Album.

sido: Wenn Leute erzählen, dass es in Deutschland keine Ghettos gibt, dann frage ich mich echt, wo ich dann hier wohne. Es ist eine sozial sehr schwache Gegend. Ich sage das nicht aus dem Grund, weil ich das cool finde, sondern weil ich will, dass die Leute merken, dass es so etwas hier gibt. Ich will darauf aufmerksam machen. Wenn ich hier aus meiner Tür trete, dann liegt Kotze im Treppenhaus, verstehst du? Ich weiß, wo ich herkomme. Ich bin kurz weggezogen nach Wedding, aber jetzt wohne ich wieder hier und ich fühle mich auch sehr wohl. Die schönen Hinterhofgegenden und all das.

Bumbanet: In „Alles oder nix“ rappt ihr: „Sorg’ dafür, dass du deinen Teil kriegst.“

sido: Wenn ich früher gesagt habe, dass ich mit meiner Musik kein Geld verdienen will, dann war das meine Ausrede dafür, dass ich kein Geld damit verdienen konnte. Wenn mir jemand erzählt, dass er Untergrund bleiben und kein Geld machen will, dann nehme ich den Typen nicht ernst. Warum macht er dann Musik? Für seine paar Kellerhomies, die ihm noch nicht mal zuhören? Wenn einer zu mir sagt, dass ich Kommerz bin und nicht mehr Untergrund, dann ist das ein Kompliment für mich. Dann habe ich es wohl geschafft.

Bumbanet: Viele werfen euch ja auch Rassismus vor. Im Track „Sei keine Bitch“ stellt Bobby einiges klar, etwa mit der Zeile „Sei stolz, doch übertreibe es nicht“.

sido: Wir finden einfach, dass viele schwarze Rapper in Deutschland extrem arrogant sind. Die gehen so Black-Panther-mäßig ab. Für die gibt es aber meiner Meinung nach überhaupt keinen Grund dafür. Natürlich haben die Probleme mit Nazis, und die können ja auch gern mal einen Track gegen Nazis machen, aber nicht so ein Brothers-Keepers-Ding, wo dann nur Schwarze dabei sind. Das ist auch wieder rassistisch. Man soll gerne stolz sein und wissen, wo man herkommt, aber man kann den Deutschen auch nicht eine fremde Kultur aufzwingen. Ich meine, bei uns ist nicht ein reiner Deutscher dabei. Alle haben Wurzeln in verschiedenen Ländern. Dieser Rassismus-Kram ist einfach das Behindertste, was uns je vorgeworfen wurde. Die Leute, die diese Vorwürfe erfunden haben, sind selbst die Nazis. Die verstehen uns einfach nicht.

Bumbanet: Das Problem ist eher, glaube ich, dass sich viele Leute von euch bedroht fühlen. Es kommt ja oft so herüber, als wenn ihr keine anderen Rapper neben euch duldet.

sido: Ich akzeptiere alles, Mann. Ich akzeptiere alle Rapper, auch die Blümchen-Rapper, aber ich will das einfach nicht hören. Ich komme darauf nicht klar. Deshalb dulde ich die anderen auch nicht neben mir an der Spitze. Ich weiß, dass ich der Beste bin. Ich will den Thron nicht mit irgendwem teilen, sondern ich will mich da oben richtig breitbeinig hinfläzen. Alle anderen Plätze von 2 bis 2 Millionen sind ja frei. Die können die anderen unter sich aufteilen. Ich dulde aber keinen anderen an der Spitze.

Autor:
Stephan Szillus (mit freundlicher Genehmigung von Classic Media www.classic-media.com)
Photos:
Aggro Berlin

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