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"Wir
werden nach vorne geschoben wir wollen aber auch nach vorne
schieben"
Ist alles so wie früher? Man könnte fast meinen. Auch
zu ihrem Debüt Bitte ziehen sie durch machten die
Hamburger Deichkinder vorab eine kleine Club-Tour. Damals in Köln
war die Stimmung im kleinen Studio 672 bescheiden, trotz eines Bon
Voyage. Heute platzte das ebenso kleine Subway aus allen Nähten
und die Leute kochten über zwei Stunden lang, obwohl kein neuer
Superhit durchs Fernsehen rotierte. Mit Show, Gesang und Gitarrenspiel
begeisterten die Vier das Publikum auch fernab von HipHop.
Dass sich die Crew mit ihrem neuen Album Noch Fünf Minuten
Mutti, das voll und ganz ohne Rap-Gäste auskommt, von
Szene und Trends entfernen konnte, bewies auch das anschließende
Interview zu später Stunde im exclusiven Tour-Van der Band...
Bumbanet: Euer neues Album ist ein großer Schritt nach
vorne. Ihr habt euch stärker an musikalischen Aspekten orientiert
und wagt euch auch an Country und RnB Gesang heran.
Wie kam es dazu?
Deichkind: Wir legen jetzt mehr Wert auf Keyboards und auch den
E-Gitarren Sound. Wir sind an die neue Platte frei herangegangen,
und dementsprechend frei hört sich der neue Kram jetzt auch
an. Ohne Zwänge und Grenzen. Vielleicht hätten wir das
damals auch schon so machen können, aber wir hatten diesen
Horizont auf jeden Fall noch nicht. Ich glaube ich hasse straighte
Alben. Da sagt man Sachen, die gehört werden wollen. Ich sag
mal so, die Zeit ändert sich, die Menschen auch, und das haben
wir auch so gefühlt. Wir hören ja auch selber Musik und
merken, wie sich diese verändert. Dadurch hört man immer
neue Musik und bekommt so auch neue Einflüsse. Und wir haben
die Musik gemacht, die wir hören wollten. Wir werden nach vorne
geschoben wir wollen aber auch nach vorne schieben. Es geht
um Schubkraft, und ich denke wir haben das geschafft. Hoffentlich
werden die Leute, die jetzt ihr Album machen, sich die Mühe
geben, auch wieder was nach vorne zu schieben. Auf jeden Fall haben
wir nichts nachgemacht, aber das war beim ersten Album auch nicht
anders. Wir beschreiten unseren eigenen Weg, wir wollen uns selber
auch gerne anhören.
Bumbanet: Was ist denn jetzt die neue Musik, die euch beeinflusst
hat?
Deichkind: Also ich hab eigentlich andere Musik gehört als
die anderen, und die anderen haben auch andere Musik als ich gehört.
In letzter Zeit, also seit dem wir wieder auf Tour sind, haben wir
auf jeden Fall viel Deichkind gehört. Eine Zeit habe ich nur
Smokie (Anmerkung der Redaktion: Die Legende der 70er) und eine
Zeit nur Country gehört. Dann gab es mal eine Zeit, wo ich
viel MTV geguckt hab, und es gab eine Zeit, wo ich alte Lenny Kravitz
Sachen gehört hab.
Als wir mit Bitte ziehen sie durch auch in den Charts
waren, haben wir auch derbe viel Charts Musik gehört und darüber
diskutiert, ob das seine Berechtigung hat. Aber es gab auch Phasen,
wo ich gar keine Musik gehört hatte, wo ich es einfach leid
war. Momentan höre ich wieder sehr viel Musik, Ramones zum
Beispiel.
Ich
denke, das macht auch das Projekt aus, dass wir nicht so viel moderne
Musik hören, sondern uns auch mal in den 60ern und 70ern vergraben.
Gestern Abend haben wir Country Balladen geweckt und damit das
ganze Hotel geweckt. Wir haben das ganz laut mit unserem Subwoofer
aufgedreht und sind auf den Bagger gestiegen. Da hat dann das ganze
Hotel aus dem Fenster geguckt.
Vorgestern auf der Fahrt von Stuttgart nach Frankfurt liefen die
Ramones im Radio, die Ramones waren der erste straighte Oi Rock.
Außerdem hatten wir eine gebrannte CD von Richard Kleidermann.
Darauf haben wir den Hook auf die Klavier Rhythmik von Richard Kleidermann
adaptiert. Das war auf jeden Fall obskur.
Wir hören alle gerne Musik, die was ausdrückt und die
doller ist, als andere Musik. So gesehen gibt es in fast jedem Genre
geile Musik.
Bumbanet: Früher hattet ihr auch mal geplant mit einer
Liveband aufzutreten. Ist eure stärkere musikalische Ausrichtung
ein Ersatz dafür?
Deichkind: Das kann man so sehen. Wir haben jetzt ja auch Keyboard
und Gitarre live dabei. Allerdings hatten wir auch mal mit Band
live gespielt, bei der Popkomm drei Songs. Wir finden, da kann man
viele Sachen nicht so gut umsetzen, das klingt einfach anders, nicht
so gut. Beat-Sounds klingen einfach tighter. Andererseits kann man
mit Live-Band Songs schön in die Länge oder Kürze
ziehen. Das ist so ein Zwiespalt. Ich denke, wir haben einen gesunden
Mittelweg gefunden.
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