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Interview: Deichkind (1/2) News

"Wir werden nach vorne geschoben – wir wollen aber auch nach vorne schieben"

Ist alles so wie früher? Man könnte fast meinen. Auch zu ihrem Debüt „Bitte ziehen sie durch“ machten die Hamburger Deichkinder vorab eine kleine Club-Tour. Damals in Köln war die Stimmung im kleinen Studio 672 bescheiden, trotz eines „Bon Voyage“. Heute platzte das ebenso kleine Subway aus allen Nähten und die Leute kochten über zwei Stunden lang, obwohl kein neuer Superhit durchs Fernsehen rotierte. Mit Show, Gesang und Gitarrenspiel begeisterten die Vier das Publikum – auch fernab von HipHop. Dass sich die Crew mit ihrem neuen Album „Noch Fünf Minuten Mutti“, das voll und ganz ohne Rap-Gäste auskommt, von Szene und Trends entfernen konnte, bewies auch das anschließende Interview zu später Stunde im exclusiven Tour-Van der Band...

Bumbanet: Euer neues Album ist ein großer Schritt nach vorne. Ihr habt euch stärker an musikalischen Aspekten orientiert und wagt euch auch an Country und R’n’B Gesang heran. Wie kam es dazu?

Deichkind: Wir legen jetzt mehr Wert auf Keyboards und auch den E-Gitarren Sound. Wir sind an die neue Platte frei herangegangen, und dementsprechend frei hört sich der neue Kram jetzt auch an. Ohne Zwänge und Grenzen. Vielleicht hätten wir das damals auch schon so machen können, aber wir hatten diesen Horizont auf jeden Fall noch nicht. Ich glaube ich hasse straighte Alben. Da sagt man Sachen, die gehört werden wollen. Ich sag mal so, die Zeit ändert sich, die Menschen auch, und das haben wir auch so gefühlt. Wir hören ja auch selber Musik und merken, wie sich diese verändert. Dadurch hört man immer neue Musik und bekommt so auch neue Einflüsse. Und wir haben die Musik gemacht, die wir hören wollten. Wir werden nach vorne geschoben – wir wollen aber auch nach vorne schieben. Es geht um Schubkraft, und ich denke wir haben das geschafft. Hoffentlich werden die Leute, die jetzt ihr Album machen, sich die Mühe geben, auch wieder was nach vorne zu schieben. Auf jeden Fall haben wir nichts nachgemacht, aber das war beim ersten Album auch nicht anders. Wir beschreiten unseren eigenen Weg, wir wollen uns selber auch gerne anhören.

Bumbanet: Was ist denn jetzt die neue Musik, die euch beeinflusst hat?

Deichkind: Also ich hab eigentlich andere Musik gehört als die anderen, und die anderen haben auch andere Musik als ich gehört. In letzter Zeit, also seit dem wir wieder auf Tour sind, haben wir auf jeden Fall viel Deichkind gehört. Eine Zeit habe ich nur Smokie (Anmerkung der Redaktion: Die Legende der 70er) und eine Zeit nur Country gehört. Dann gab es mal eine Zeit, wo ich viel MTV geguckt hab, und es gab eine Zeit, wo ich alte Lenny Kravitz Sachen gehört hab.

Als wir mit „Bitte ziehen sie durch“ auch in den Charts waren, haben wir auch derbe viel Charts Musik gehört und darüber diskutiert, ob das seine Berechtigung hat. Aber es gab auch Phasen, wo ich gar keine Musik gehört hatte, wo ich es einfach leid war. Momentan höre ich wieder sehr viel Musik, Ramones zum Beispiel.

Ich denke, das macht auch das Projekt aus, dass wir nicht so viel moderne Musik hören, sondern uns auch mal in den 60ern und 70ern vergraben.

Gestern Abend haben wir Country Balladen geweckt und damit das ganze Hotel geweckt. Wir haben das ganz laut mit unserem Subwoofer aufgedreht und sind auf den Bagger gestiegen. Da hat dann das ganze Hotel aus dem Fenster geguckt.

Vorgestern auf der Fahrt von Stuttgart nach Frankfurt liefen die Ramones im Radio, die Ramones waren der erste straighte Oi Rock. Außerdem hatten wir eine gebrannte CD von Richard Kleidermann. Darauf haben wir den Hook auf die Klavier Rhythmik von Richard Kleidermann adaptiert. Das war auf jeden Fall obskur.

Wir hören alle gerne Musik, die was ausdrückt und die doller ist, als andere Musik. So gesehen gibt es in fast jedem Genre geile Musik.

Bumbanet: Früher hattet ihr auch mal geplant mit einer Liveband aufzutreten. Ist eure stärkere musikalische Ausrichtung ein Ersatz dafür?

Deichkind: Das kann man so sehen. Wir haben jetzt ja auch Keyboard und Gitarre live dabei. Allerdings hatten wir auch mal mit Band live gespielt, bei der Popkomm drei Songs. Wir finden, da kann man viele Sachen nicht so gut umsetzen, das klingt einfach anders, nicht so gut. Beat-Sounds klingen einfach tighter. Andererseits kann man mit Live-Band Songs schön in die Länge oder Kürze ziehen. Das ist so ein Zwiespalt. Ich denke, wir haben einen gesunden Mittelweg gefunden.

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Autor:
Bumbanet Redaktion
Photos:
Eastwest, bumbanet

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