• Rubriken

  • Schlagwörter

    Beatsteaks Björk Blumentopf Busta Rhymes Deichkind Eminem Fettes Brot Foo Fighters Gentleman Jack Johnson Jan Delay K.I.Z. Kanye West Kool Savas Korn Mando Diao Princess Superstar Rihanna Snoop Dogg Wu-Tang Clan
  • Meta

  • Dicht & ergreifend – Ghetto mi nix o

    Von Christian Schmitz-Linnartz

    Zipfe Adam records – VÖ: 2. März 2018

    Als erstes muss ich motzen oder woiseln* (um im Sprachduktus der Platte zu bleiben), denn so ein erster Track ist nach Marketingmaßstäben wohl eher ungünstig; zu gleichförmig startet das Ding und wabert sich fort, bis ziemlich spät mal etwas Meßbares gereicht wird an Text. Und hätte ich nicht das Booklet vor mir gehabt, welches mir verraten hat, dass “O.N.T.H.” wirklich Text hat, hätte ich beim ersten Durchhören relativ schnell geskippt.
    Und wer mit instrumentalen Tracks Probleme hat, sofern sie nicht ein Feuerwerk an Tempo- und Stimmungswechseln abfeuern, oder mit dem Tempo von Roots Reggae, dürfte ein Problem mit “Natural hi leng” haben.
    Und bei den Vocal Skits hilft es, bekifft zu sein.

    Aber das soll es dann auch gewesen sein mit kritischen Anmerkungen, ansonsten zieht die Platte durch! “Ghetto mi nix o” ist musikalisch genau so vielseitig wie das Debütalbum und textlich noch versierter, weswegen mein Hauptproblem sein dürfte, mich kurz zu fassen. Musikalisch ist es durchproduzierter als das Debüt, was das rappende Duo im Interview selbst zu Protokoll gab.
    “Durchproduziert” ist leider zumeist negativ konnotiert, in diesem Fall aber genau das Gegenteil. Samples, Beats und Licks passen auf den Punkt. Instrumente wie Gitarre werden von der Band, zu deren erweiterten Kreis eine Tubaistin mit dem wohlklingenden Namen Goldie Horn und ein Trompeter gehören, höchstselbst eingespielt; und die Gitarre kommt vom MC Lef Dutti selbst; abgerundet wird das Ganze von einem DJ namens Spliff, perfekt vom Cratedigging bis zu den komplexesten Cuts.
    Daneben zeigen Lef Dutti und George Urkwell, wie technisch vielseitig sie sind, wer nach “Nein to five” noch denkt, dass der bayerische Dialekt zu sperrig für Double-time ist, sollte jetzt “as Mai hoitn” *.
    Ganz nebenbei ist die Nummer tanzbar wie die Hölle und überhaupt der Überburner. Wer da still bleiben kann, soll bitte nach Sibirien auswandern.

    Die drei Vorabveröffentlichungen “Don’t believe the like“, “Schofal Boogie” und die großartig geistreich grenzdebile Geschichte vom “Bierfahrerbeifahrer” haben sehr viel Lust auf diese Platte gemacht; und sie erfüllt diese Erwartungen.

    Der erste Teil ist sehr politisch. Ob jetzt im albumnamensgebenden Track mit einem Chor von Freund(inn)en-der den Namen eines Titeltracks absolut verdient hat- verabscheuungswürdige Gestalten skizziert werden oder in “Ned dahoam” teilweise schmerzhaft zynisch über die Flüchtlinge im Mittelmeer sinniert wird, dass einem das Saure die Speiseröhre hochschwappt, das hat alles textlich Hand und Fuß.

    “Grias de God scheene Geg’nd” ist eine bittersüße Nummer über den Ausverkauf der heimatlichen Umwelt und der perfekte Schlag in die Fresse für Seehofers Heimatministerium.

    “Wach vom Wecka” ist eine klassische aufgedrehte basslastige Neunziger-Jahre-Reminiszenz mit Hilfe zweier in Bayern durchaus bekannter MCs, von Monaco F., einem der Pioniere des bayerischen Raps, und dem Oberpfälzer BBou, dem rappenden Geistesbruder von Hans Söllner.

    “I frieß so gern” schnappt sich Funk und Jazz und bearbeitet die beiden mit Herz und Hirn.

    “Call of Dutti” und “Picknick am Friedhof”, die beiden Solotracks von den zwei MCs, sind auch objektiv gute Nummern, textlich und handwerklich, aber der Flash findet hier beim Rezensenten nicht so statt, auch wenn ich nah dran bin an Duttis Jogginghosendogma oder Georges Angstmomenten.

    Dafür gibt es aber noch einmal ein fulminates Finale, eingeleitet durch “Schau her do”, mit Linz’ Skero, Mitglied der legendären Texta, der Track groovt wie Sau und trötet wie Tijuana.
    “Nein to five” hab ich schon erwähnt; und zu guter Letzt, als wäre die Platte nicht schon über jeden Zweifel erhaben, kommt da “Fenstabuzza”, Storytelling auf gut zehn Minuten, perfekt produziert, jazzig und zwei Geschichten mit viel sozialem Herz und Gesellschaftskritik, aber nie ohne das den beiden eigene Augenzwinkern.
    Wenn George mit den Zeilen “da Herrgott hab se selig, de arme Seel…” anfängt, erzeugt das eine immense Gänsehaut und sollte die letzten Skeptiker versöhnen, die den Dichtis je Verrat an der bayerischen Kultur vorgeworfen haben sollten.
    Eine große Platte schließt groß!

    *Dialektausdrücke werden nicht übersetzt, denn wer diese nicht versteht, dürfte bei der Rezeption ohnehin unüberwindbare Sprachbarrieren verspüren.

    Und wer jetzt bemängelt, dass ich zu viele Kritikpunkte für die Bestbewertung geäußert hätte, der möge dies tun. Aber Plattenkritik ist kein Mathe und das Gute frisst die paar Schwächen auf der Platte locker auf, ohne sich nur ansatzweise den Magen zu verderben.

    Wertung: ★★★★★







    Weitere Artikel:







    Keine Kommentare »

    Keine Kommentare vorhanden.

    Kommentar schreiben

    Connect with Facebook