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  • Faith no more – Sol invictus

    Von Christian Schmitz-Linnartz

    Reclamation/Ipecac/Pias (rough trade) – VÖ: 15. Mai 2015

    Nach siebzehn Jahren? Na klar denkt man da daran, dass es darum geht, mal wieder ein wenig Geld in die Taschen zu spülen.

    Zu diesem Zwecke empfehle ich als Merchandise- Produkt, auch auf den Stofftaschen-Zug aufzuspringen und analog zu den vielen ähnlichen Produkten eine Linie mit dem Aufdruck

    „Mike&
    Billy&
    Puffy&
    Roddy“

    herauszubringen. Moment, da fehlt doch einer, mag manch akkurater Musikbeobachter jetzt einwenden. Das ist korrekt, aber wie es einer von der Band vor Urzeiten einmel (sinngemäß) ausdrückte: „Der Gitarrst bei uns keine besonders wichtige Position, denn er darf keine Soli runterwichsen, er hat ins Gesamtkonzept zu passen.“ Das war nach der Trennung von Jim Martin, der nach der Trennung von der Band nur noch Bedeutsamkeit als „Schauspieler“ in der Neunzger-Kult-Klamotte „Bill & Ted’s bogus journey“ erlangte. Auch in der Folgezeit wurde der Gitarrist immer munter ausgewechselt; momentan spielt John Hudson, der die Ehre hatte, vor der Trennung auch an der Gitarre zu stehen. Wobei, ob das eine Ehre ist, ist fraglich. Denn ich meine gelesen zu haben, dass man in der Band über eine Rückkehr von Jim Martin nachdächte. Das sagt sehr viel über das bandinterne Gefüge und über die Postition des Gitarristen aus. Ich könnte noch viel schwadronieren über diese Band, die ich seit 1992 verehre und von der ich alles im CD-Schrank habe, was es gibt.

    Ich könnte über ihre gesellschaftliche Bedeutung reden, weil sich mit ihrem Keyboarder Roddy Bottum der erste Mann aus einer berühmteren Band des Rock-Genres zu seiner Homosexualität geoutet hatte.

    Ich könnte darüber reden, dass “The real thing” von 1989 sogar nach heutigen Maßstäben noch als avantgardistische Musik anzusehen ist. Es war Jazz, es war Grunge, ohne dass es damals schon so genannt worden wäre. (Und als alle anderen dann Grunge machten, hatten Faith nor more diesen Gefilden schon wieder den Rücken gekehrt). “The real thing” ließ zu seiner Zeit die Red hot Chili Peppers wie eine funklastige Dorfkapelle aussehen. Es ebnete zumindest indirekt der amerikanischen Musik der Neunzigerjahre den Weg in die Sphären kommerzieller Wahrnehmung. Bands wie Weezer, Incubus, aber auch alle Grungebands- auch Nirvana- wären ohne Faith no more wahrscheinlich nicht denkbar. Und ja, es gibt eine Querverbindung, Courtney Love sang schon 1983- wenn auch nur kurz- bei Faith no more.
    Doch das alles gehört in die Geschichtsschreibung und nicht hierher.

    Was jedoch nicht zur Geschichtsschreibung gehört, ist die Tatsache, dass Faith no more immer in allem ‘anti’ waren, nie irgendeinem Dogma gefolgt sind, sei es musikalisch oder sonstwie; also konnte man hoffnungsvoll vermuten, dass sie sich nicht dem Dogma des peinlichen Comeback-Albums unterwerfen.

    Und so ist es dann auch, das Gegenteil ist der Fall! Mike Pattons Stimme klingt nicht mehr so nach Kermit wie in seinen jungen Jahren, sondern wie der bessere Hetfield, und wesentlich präziser als jemals zuvor..
    Wo andere stimmlich mit dem Alter abbauen mögen, gewinnt er unglaublich dazu. Er hat seine rauchige dunkle Stimme über die Jahre perfektioniert, dass bei jedem oder jeder, der oder die sich erotisch zu Männern hingezogen fühlt, eine signifikante Regung im Schritt passieren dürfte. Auch seine Kreischausbrüche sind stimmfest und wirken nicht so, als müsste er im worst case gleich husten.

    Wenn auch mich seine ganzen musikalischen Projekte über die Jahre nie wirklich angesprochen haben, so haben sie ihn doch davon abgehalten, sich im Gegensatz zu anderen alternden Rockstars mit Whiskey, Rauchwaren und mehr ungesundem Scheiss vollzupumpen und daran zu verlottern.

    ‘Faith no more’ erfinden sich im neuen Jahrtausend nicht neu, und sie passen sich dem Flow der Zeit nicht an.
    Sie sind wieder nah dran an „Angel Dust“ mit einer Prise des Vorgänger- und Nachfolgeralbums; und was das bedeutet, werde ich nicht erläutern- auch mir muss dieses Mal dieser elitäre Dünkel erlaubt sein.

    All das klingt nicht altbacken, sondern nach zeitlosen Altmeistern, den einzigen Vertretern ihrer Zunft mit dem Recht, den kompletten Zirkus zwischen Horrorclown und balancierenden Robben für leuchtende Kinderaugen akustisch widerzugeben: alles mit dieser mehr als persönlichen Note zwischen Funk, Rock, Oper, Musical, Country und Shoegazer. Als wären sie das musikalische Richtschwert und die auferstandene moralische Instanz einer Ära.

    ‘Sol invictus’ geht los, als würden ‘The doors’ gemeinsam mit ‘Monster Magnet’ ‘Summer wine’ covern, um nur nach gut 40 Sekunden einen komplett anderen Ton anzuschlagen.
    „Black Friday“ lässt alle Fun-loving-criminal- Tito-and Tarantulas schon mit der Gitarre am Anfang mit offenen Mündern dastehen und bewegt Tarantino und Rodriguez dazu, den ultimativen Film zusammen zu machen.
    “Back from the dead” ist Broadway an Weihnachten.
    Sie lassen sich Zeit in den Songs: Matador ‘opert’, ‘Superhero’ keift, doch beide gönnen sich Epik.
    Ich habe versucht, alle Nummern assoziativ zu skizzieren, hab aber aufgegeben, als ich bei “Sunny side up” nach einer Minute schon sieben Assoziationen im Kopf hatte.
    Von den melodischsten Passagen ihrer Bandgeschichte, die in ‘Seperation anxiety’ in Black-Metal-Ausbrüche übergehen, mal ganz zu schweigen.
    Scheiss auf Einordnung, die Platte muss jeder selber hören: das Ding ist nicht zu greifen und zerrissen und doch so stringent, so homogen, in Faith-no-more-Maßstäben. In der Presse deuten sich schon die ersten Lobgesänge an und sollte die Platte bei den jungen Leuten nur ansatzweise durch die Decke gehen, wie sie es verdient hätte, gäb es neue Helden und ich käme in den Genuss der Aufwertung meiner ersten Lieblingsband und einer gesellschaftlichen Aufwertung meiner ganzen Jugend!

    Wertung: ★★★★★







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