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  • Frank Turner – England keep my bones

    Von Christian Schmitz-Linnartz

    Epitaph Europe (Indigo) – VÖ: 3.6.2011

    Jeder von uns kennt diese Leute. Leute, die immer von fernen Orten reden, von südlicher Sonne, sei es Copacabana, Lateinamerika oder sogar Afrika. Sie reden über das einfache, unkomplizierte Leben dort, meistens in Verbindung mit alkoholischen Getränken und/ oder Joints, was sie anscheinend zum Verklären und Romantisieren brauchen und brauchen, um ausblenden zu können, dass sich die Einheimischen zumeist nur dadurch absoluter Armut entziehen können, indem sie mit diesen Europäern abhängen oder korrupt sind und über Leichen gehen. Von diesen Vollpfosten wird man dann zugeballert mit ihrer Musik mit dieser achso hübschen “Weltmusik” und diesem Südfeeling. Und wer diesen Personen ob ihrer Musik den Poncho vollkotzt- sei es wirklich oder im übertragenen Sinne- ist dann logischerweise Rassist oder phantasielos.
    Ich würde sagen, ich bin ein solcher Kotzender. Ich bin kein Rassist, sondern Realist und ich lebe im Hier und Jetzt und versuche hier, meine Träume zu leben, was diese Spacken nie könnten.
    Frank Turner lebt auch im Hier und Jetzt und in England und würde trotz all dem Regen und der nassen Kälte nie da weggehen und er mag schon tausende „Rivers“ gesehen haben, („though I’ve seen a thousand rivers from the Mississippi tot he rhine“), „the only place where I lay my head down is by an English riverside.“
    Überhaupt ist Frank Turner der jetzige und kommende Barde der anglo-irischen Inseln: Ein drittes Album in Folge, dass einem das Herz aufgehen lässt als auch die Fähigkeit, unter anderem auf dem Reeperbahn-Festival allein mit Gitarre ein nicht allzu kleines Publikum zu binden und fesseln, dass viele der Songs mitsingen kann, das sind Details, die für sich sprechen.

    “Not everyone grows up to be an astronaut, not everyone was born to be a king, not everyone can be Freddy Mercury, but everyone can raise a glass and sing. That’s the only eulogy I need!” heißen die ersten Worte der Platte und machen klar, warum das so ist: denn hier wird mit Herz und Wasser gekocht und nicht mit Molekularküche.

    Da Frank Turner live aber ebenso gern mit Band auftritt, sind viele Songs auf dem Album Lieder, die live eher mit Band als Ein-Mann-mit Gitarre-Show funktionieren, was „England keep my bones“ von seinen Vorgängern unterscheidet, auf denen sich die Sing-alongs mit den Bandliedern eher die Waage hielten. Bei “Glory Hallelujah”, “Peggy sang the blues” oder “I still believe” weiß man zum Beispiel noch nicht, wie es auf den Konzerten präsentiert wird oder ob es auf der Setlist bestehen kann bei den ganzen Klassikern im Repertoire.

    “I am disappeared” oder speziell “One foot before the other” legen offen, dass Herr Turner mit dem Punkrock verwurzelt ist. “Nights become days” hat etwas viel von einem mittelalterlichen Bardengesang und ist somit auch problematisch im Hinblick auf die allgemeine Rezeption.

    Lediglich die traditionelle A-Capella-Nummer „English Curse“ und das eben schon erwähnte „Rivers“ eignen sich nach dem ersten Eindruck als Mitsänger.

    Nach dem ersten Eindruck sag ich deshalb, weil es für mich zu den schwersten Aufgaben überhaupt gehört, ein Frank-Turner-Album nach so kurzer Zeit zu bewerten:
    Denn im Normalfall haben Alben von Folk(rock-)sängern einerseits extrem eingängige Songs, von denen man im Speziellen bei Herrn Turner immer wieder verwundert ist, dass sie einem auch nach dem zehnten Mal nicht auf den Sack gehen.
    Andere Lieder auf “Love, Ire & Song” und “Poetry of the deed” schaff(t)en es, beim zwanzigsten Mal erst so richtig aufzublühen, obwohl die Songstrukturen doch sehr einfach sind.

    Deshalb würde ich am liebsten sagen: “Fragt mich in drei Monaten nochmal!”
    Das geht aber leider nicht, deshalb einfach mal hoch die Gläser und darauf trinken, dass wir uns nie verirren mögen (“If I ever stray”).

    Das wird uns aber auch nie passieren, solange wir Dich haben, Frankyboy!

    Wertung: ★★★★☆







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