TV on the radio – Nine types of light
Von Christian Schmitz-Linnartz
Interscope/ Universal – 15.4.2011
Nur dadurch, dass die Post die CD zwischenzeitlich “verschluckt” hat, kann ich auf den traurigen Umstand eingehen, dass Gerard Smith, Bassist bei „TV on the Radio“, fünf Tage nach dem deutschen Veröffentlichungstag von „Nine Types of light“ an Lungenkrebs verstarb. Diese Meldung macht den Erfolg des Albums für die Band somit erstmal völlig unwichtig und vernachlässigbar. Wie zu erwarten, hat die Band laut ihrer Homepage auch erst einmal fünf Konzerttermine in den USA abgesagt.
Das ist absolut verständlich.
Da die geneigte Hörerschaft aber auf jeden Fall ein Recht auf die Bewertung der Platte hat, soll diese hier erfolgen. Und es geht gleich los mit einem absoluten Kracher: „Second Song“ setzt das fort, was auf „Dear Science“ erstmals Einzug in die Musik von „TV on the Radio“ hielt: das absolute Gefühl in Stimme und Arrangements und viel Liebe zur Detailfreudigkeit in der Instrumentierung.
Das Avantgardistische, was „TV on the Radio“ auf den ersten Platten ausmachte, geht nach „Dear Science“ immer mehr verloren. Die These ist also nicht gewagt, dass von den Fans der ersten Stunde noch weniger übrig bleiben.
In manchen Songs blitzt das eben Genannte aber noch einmal extrem auf: das, was auch David Bowie zu einem großen Fan dieser Band macht: “New Cannonball Blues”, aber eher noch “No future shock” haben alles, was ein Song des Meisters ehedem aufgeboten hätte an Dandyhaftigkeit, auch kurze Chorsequenzen, die an “Rocky Horror Picture Show” erinnern.
Überhaupt wird “Nine Types of light” nach verhältnismäßig anbiederndem Anfang gegen Ende aufgekratzter, “Repetition” ist auch so ein akkustisches Schmirgelpapier.
Und dennoch ist “Nine Types of light” das bisher ausgeruhteste Album der Band mit der großartigen Stimme von Tunde Adebimpe und dem Herzen voller Sommer, das entspricht auch völlig dem Plattencover, was in der Musikwelt höchst selten vorkommt.
Damit steht es in einem nicht zu übersehenden Kontrast zum Schicksalsschlag. Es ist anzunehmen, dass die lange Krankheit von Gerard Smith Einfluss auf die Platte hatte, ein solches Thema wie die Vergänglichkeit im direkten Umfeld kann man nicht einfach ausblenden. Aber der Todesfall wird noch einmal Dinge verändern. Wäre er nicht gewesen, wäre die Zukunftsprognose höchst vielversprechend, so muss man hoffen, dass die Band weiß, was sie da gerade musikalisch geschaffen hat.
Man kann es einer so überdurchschnittlichen Band nur wünschen.
Wertung: 





