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  • Blumentopf – Wir

    Von Christian Schmitz-Linnartz

    blumentopf-wirVirgin / EMI VÖ: 04.06.2010

    Also hier in diesen vier Wänden herrschte eigentlich gar keine Erwartungshaltung vor, zumindest keine hohe, was „Wir“ betraf. Warum das so ist, dazu bedarf es einer längeren Einführung:

    Denn am Anfang vor 13 Jahren war die erste „Blumentopf“- Platte, eine sehr gute Debütplatte; dann kam „Großes Kino“, ein Meilenstein, den man- unabhängig davon, ob man aus Hamburg, Stuttgart, Heidelberg, dem Ruhrgebiet oder Berlin kommt- getrost unter die besten fünfzehn deutschen HipHop- Scheiben zählen darf.
    Danach kamen drei- sagen wir- anständige Platten, hochintelligent zwar und großteils auch gut und auch noch mit so manchem Klassiker ausgestattet- aber eben, naja, thematisch begrenzt aufgrund der selbst vorgegebenen Political correctness (zumindest in HipHop- Maßstäben).
    Blumentopf entfernten sich nämlich deshalb vom puristischen HipHop, weil es ihrem musikalischen Innovationsdenken entsprach und sie entfernten sich aber auch vom ganzen HipHop- Kosmos, weil es ihrem Wesen entspricht, dem immer brutaler werdenden HipHop- Kosmos in Deutschland etwas entgegen zu setzen: da kann Holunder noch so inbrünstig rappen, dass jeder seinen kleinen Pimp in sich hat, rausgelassen hat er ihn nie, dafür sind sie alle beim Topf durch die Bank zu lieb. Der Solotrack von Cajus auf „Wir“ mit Namen „Helping Hand“ ist da einfach symptomatisch: Münchner Umland und Kindheit im Reihenhaus mit eigenem Zimmer prägt.

    Wenn ich mich in meinem Umfeld in München umschaue, haben sich viele, die dem Rap im Erwachsenwerdungsprozess treu blieben, vom Blumentopf abgewandt, weil der Topf sich wiederholt bzw. aufgebraucht hat, ohne es allerdings an Reminiszenz für die Klassiker mangeln zu lassen;
    Viele haben sich entfernt, nur nicht die Universitätsabsolventin in den Geisteswissenschaften, nennen wir sie Miriam. (Miriam gibt es übrigens wirklich, sie heißt nur anders.) Miriam flasht nämlich sonst auf Oldies bis hin zu Roxette; „Blumentopf“ sind für sie der intelligente Gegenentwurf zu diesen ganzen jugendverrohenden Rabauken, und mit ihren Töpfen verbindet sie Abende an gemütlichen Baggerseen in fröhlicher Runde mit Augustiner- Bier und Blumentopf im Ghettoblaster.
    Ein solches Fan- Stereotyp wollen die Töpfe bestimmt nicht (ausschließlich), ziehen es aber mit Tracks wie „Manfred Mustermann“ und Co. an (wobei „Manfred Mustermann“ hier nicht geschmäht, sondern als innovativer Meilenstein respektiert sein soll).

    Was beim hier Schreibenden noch eine nicht allzu hohe Erwartungshaltung in Bezug auf „Wir“ hervorrief, war die Tatsache, dass die „Töpfler“ in den letzten Jahren in anderen Küchen kochten: Cajus und Roger kamen mit Soloalben um die Ecke (da liest die gemeine Musikjournaille gern mal im Kaffeesatz und prophezeit das Band-Ende), Sepalot bastelte gleich an Alben für mehrere Künstler, Holunder hat bekanntermaßen einen „Nebenjob“, der anderen als alleiniger Lebensinhalt dient; und der Schu ist nicht nur einfach der Schu, sondern hatte auch Output. Da dachte bestimmt so mancher, der von der Ankündigung des neuen Albums erfuhr, das sei jetzt einfach zur Finanzaufbesserung gedacht: denn die Miriams dieser Welt kaufen alle bestimmt die Platte.
    Dem ist aber Gott sei dank nicht so, soviel sei schon mal vorweggenommen.

    Denn der Topf gibt gleich mal Vollgas, nicht nur mit den ersten Tracks „SystemFuck“, „Erzähl mir was“ und „Wir“, auch in der Folge mit „Hunger“, „Ausmisten“ oder „SuperEinfach Schwierig“. Aber eben diese nach vorne gehenden Beats zeigen das Dilemma noch deutlicher auf: die MCs sind viel zu lieb in den Texten, der Vehemenz und der Stimmfarbe (vielleicht bis auf Roger), um den Beats die nötige Härte zu geben und deshalb eben nicht „Rapmusik mit Punkattitüde“, wie es der Text der Plattenfirma gerne im Hinblick auf das Jubiläumskonzert sähe.
    Apropos „Wir“: was reitet eine Crew wie Blumentopf, einen Track wie „Wir“ dem Album mit Video vorauszuschicken: keine individuellen Rapparts, nur zusammen skandierte Wortspiele mit der Silbe „Wir“, und das wegen der wuchtigen Grundstimmung auch für alle Miriams zu heftig. Und um weiter zu schimpfen: Tracks wie „SoLaLa“ sind der Inbegriff dessen, was man an den letzten Blumentopf- Platten so mühsam fand, Schema BT einfach.

    Aber es soll nicht ausschließlich gemeckert werden: einige Tracks sind einfach Zucker, sei es die dreifache Liebeserklärung an die Freundinnen in „Nicht genug“ oder das darauffolgende „Nerds“, eine endgültige gesellschaftliche Adelung für alle Computernerds.
    Holunders „Fenster zum Berg“ ist eine höchst amüsante Liebeserklärung an seine Kindheit und seinen eigenwilligen Vater.
    Und Schu schildert mit der ihm eigenen unkonventionellen Art einen Personenstereotyp und seine Begegnung damit in „Sie tanzt die Nächte durch“.

    Alles in allem legen Blumentopf mal wieder eine Platte vor, die oft viel Herz hat, viel Seele offenbart und einen stellenweise sehr schmunzeln lässt. Es gibt unglaublich gut gewählte und gesetzte Cuts von Sepalot und Damen mit großartigen Stimmen, die tolle Hooklines singen.
    Nur hat das Album dann halt sehr schwache Momente: Momente, wo sie sich wiederholen oder den Beat abkacken lassen, weil sie es nicht schaffen, ihn so zu hofieren, wie er es verdient hätte. Die drei Vorgänger haben einem wenigstens aufgrund der Menge der Tracks das Gefühl gegeben, das alles probiert wurde.
    Nimmt man die Stimme von Roger, Holunders Wortgewandtheit, die Unkonventionalität von Schu und den großartigen Flow von Cajus, dann bilden die vier Topf- MCs den einen perfekten MC. Aber jeder für sich, da wird einem schmerzlich bewusst, dass das irgendwie besser geht.
    Und ich fühle mich jetzt als Wahlmünchner doch ein wenig wie ein Königsmörder, dabei ist die Endwertung nur zu messen an dem, was die Töpfe uns schon beschert haben. Und mir war es doch so, als hätte mal jemand schon mal gerappt: „Für alle Kritiker, die nicht gedankenlos schreiben, lieber eine mit Biss als zwanzig belanglose Zeilen.“

    Wertung: ★★★½☆







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