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  • Welt des Schreckens (nach Edgar Allan Poe)

    Von Daniel Gilic

    poepaniniJeder, der sich auch nur annähernd für das Horrorgenre interessiert, sollte wenigstens eine Geschichte von Edgar Allan Poe kennen bzw. gelesen haben. Einst war Poe der Wegbereiter für phantastische Literatur und Dichtung, seine Erzählungen sind in ihrer Form und dramatischen Wirkung zeitlos. Ohne den amerikanischen Schriftsteller würde heutzutage der Grusel, das Grauen und das Makabere bestimmt anders aussehen.

    In diesem Jahr hätte der Meister seinen zweihundertsten Geburtstag gefeiert. Auch die Comicbranche hat Wind davon bekommen, denn beim amerikanischen Verlag Marvel (Spider-Man, X-Men) erschien schon im letzten Jahr die dreiteilige Miniserie „Haunt Of Horror“, mit Themen aus dem reichhaltigen Poe-Universum, die hierzulande unter dem Titel „Welt des Schreckens“ als Hardcover-Einzelband von Panini herausgebracht wird.

    Die freien Adaptionen handeln von der Bestie Mensch, mit all ihren dunklen und schlechten Facetten. Obwohl nichts Neues, dient dieser beliebte Topos weiterhin als Nährquelle und Inspiration, sowohl in der Literatur, in der Kunst als auch im Kino.
    Gewalt, Übernatürliches, Sex und anderweitiges Übel sind die Parameter in „Welt des Schreckens“. Neben den Comics sind auch die dazugehörigen Originaltexte in deutscher Übersetzung enthalten. Ein schöner Bonus für alle Komplettisten.

    cov2Mit schaurigem und blutigem Fatalismus gehen Autor Rich Margopoulos und Zeichner Richard Corben zu Werke. Sie zeigen, wie sich das Böse in unterschiedlichen Dingen manifestiert und wie es verschiedenste Formen annimmt. In der vielleicht bekanntesten Erzählung „Der Rabe“ ist es scheinbar ein sprechender Vogel, der einen trauernden Mann in den Wahnsinn treibt. „Nimmermehr“ wiederholt das Getier unaufhörlich. So lange, bis die Nerven beim Witwer blank liegen.
    In „Die Schläferin“ sind es bösartige Geister und Spukgestalten, die Menschen heimsuchen um sie zu peinigen, und in „Der Sieger Wurm“ ist es eine kleine Gemeinschaft, die in einer apokalyptischen Zukunft Fremde als Nahrung und Appetithappen missbraucht. Kannibalismus mal anders.

    Geschichten wie „Eulalie“ (ein Mann begehrt obsessiv eine lebensechte Puppe, sein Verlangen wird tödlich enden), „Die glücklichste Stunde“ (ein Klassentreffen wird zu einem
    blutigen Massaker) oder „Berenice“ (ein Zahnarzt, der seine Patientin bis in den Tod behandelt), beinhalten verzweifelte und unglückliche Figuren, die
    zwischen stoischem Ertragen und moralisch bedenklichem Handeln ihr Dasein fristen. Ihr Schicksal können sie dadurch nicht mehr korrigieren.cov3

    Margopoulos und Corben inszenieren den Schrecken, anders als Poe, weniger dezent sondern meist schockartig. Die beiden Kreativen drosseln die Geschwindigkeit der Erzählungen nicht, sie lassen sie mit aller Kraft geschehen. Alle zehn Kurzgeschichten, von Corben mal sanfter, mal grobkörniger illustriert, sind in verschattetem Schwarzweiß in Szene gesetzt.

    Wer mit den Werken vertraut ist, wird eventuell etwas enttäuscht werden, denn „Welt des Schreckens“ bietet einen sichtlich überzeichneten Blick auf das Oeuvre von Edgar Allan Poe. Der philosophische Deutungsreichtum wird deswegen nicht vollkommen reflektiert.

    Für die jüngere Generation, die mit ihm bislang nicht Bekanntschaft machen durfte, bietet der Band eine gute Gelegenheit zum Testen und Schmökern. Eine schaurige Moritat und Territorienerkundung für den Nachwuchs.

    Wer mit absurden Ideen, skurrilen Charakteren und morbidem Setting etwas anfangen kann, der wird hier gut bedient.


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