M (Graphic Novel)
Von Daniel Gilic
Neuverfilmungen und Remakes gehören heutzutage zum guten Ton der Filmindustrie. Nahezu jedes Jahr flattern neue Werke in die Lichtspielhäuser dieser Welt, die um die Zuschauer buhlen obwohl sie schon einmal verfilmt wurden.
Es ist sicherlich keine leichte Aufgabe, bekanntem Material neues Leben einzuhauchen. Jeder
Regisseur, der sich an einen vorweg realisierten Stoff heranwagt, wird sich wohl ein und
dieselbe Frage stellen: Wie interpretiere ich einen bereits bestehenden Film oder gar Klassiker neu?
Jon J Muth beantwortet diese Frage, in dem er das Medium wechselt. Muth hat sich vor allem als Illustrator von amerikanischen Kinderbüchern (u.a. von Caroline Kennedy) einen Namen gemacht. Hierzulande erscheint nun „M“, eine Graphic Novel nach dem Film von Fritz Lang. An dieser hat Muth mehrere Jahre lang akribisch gearbeitet.
Die Handlung dreht sich um einen Mörder, der eine Stadt in Angst und Schrecken versetzt. Der Unbekannte hat es vorwiegend auf Kinder abgesehen, was die Leute noch mehr
verunsichert und in Furcht versetzt. Scheinbar sucht sich der Täter seine Opfer willkürlich aus, ein Motiv ist nicht erkennbar. Die Öffentlichkeit ist dementsprechend verunsichert und angespannt, obwohl schon der alltägliche Zustand dieser Gesellschaft alles andere als glücklich und normal aussieht.
Nach und nach wird die Jagd nach dem Kinderschänder für die Bürger zu einer regelrechten Obsession. Zwischen all den Hinweisen, Spuren und Fahndungen wächst die zwanghafte Besessenheit der Stadtbewohner. Die Polizei verstärkt zwar ihre Einheiten und treibt die Ermittlungen voran, in Wirklichkeit ist sie aber am Ende ihrer Kräfte. Ein Versagen will sie sich auch nicht eingestehen.
Die Bürger sind verängstigt um ihre Kinder, reagieren schon beim ersten Anzeichen von Gefahr überreizt und aggressiv. Der dafür verantwortliche Hauptimpuls ist durchaus
nachvollziehbarer Natur. Es ist zweifelsohne verständlich, dass der Mörder eine ernsthafte und akute Gefahr darstellt und intensive Bemühungen betrieben werden müssen, um ihn endlich zu fassen.
Und auch über den Kriminellen und Ganoven der Stadt hängt das Damoklesschwert. Sie beschließen, den Mörder selbst zu fangen. Sie sind sich einig, was nach seiner Festnahme mit ihm geschehen soll. Erst wenn er Weg vom Fenster ist, können die illegalen Aktivitäten unbeschadet weitergeführt werden.
„Aber mann muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden.“ (Günter Wallraff)
Muth versteht es wie Lang, die individuellen Schicksale der handelnden Personen geschickt miteinander zu verbinden. Auch den erzählerischen Rahmen weiß er zu nutzen: Im letzten Kapitel „Der Prozess“ wird Hans Beckert, so der Name des Täters, von der Unterwelt geschnappt und auf kleinstem Raum in die Enge getrieben. Dann sorgen wechselnde Perspektiven dafür, dass der Leser sowohl Einblick in die Köpfe der Ankläger als auch in den von Beckert bekommt. Dieser Twist erhöht die Intensität ungemein. So kommt es im Zuge des nur zum Teil gezeigten Verfahrens gegen Beckert zu einer Diskussion über das Recht selbst. Mit Ergebnissen, die keineswegs eindeutig Position beziehen, wie wir das vielleicht gerne hätten. Und der Mann, der am Ende von seinen Plagen und Obsessionen erzählt und damit die Handlung um eine weitere Ebene erweitert, bleibt bis zum Schluss ein diffuses Geheimnis.
„M“ zeichnet sich durch eine bedrückende Atmosphäre und einen genau umrissenen Erzählrhythmus aus. Mit größtmöglicher Sorgfalt hat Muth scheinbar versucht, seine düster schraffierten und umrandeten Panels anzuordnen. Dabei ist es nicht ganz leicht, „M“ zu dechiffrieren. Die Zeichnungen sind in ihrer künstlerischen Darstellung unkonkret und uneindeutig. Manches scheint geradezu unabsichtlich verwischt worden zu sein. Man muss schon drei, vier Mal hinschauen, um die genaue Absicht und die Details zu erblicken. Es mutet an, als würden nur Ausschnitte gezeigt werden, nie das komplette Ganze.
Obwohl Hans Beckert ohne Zweifel eine charismatische Ausstrahlung besitzt, liegt das Hauptaugenmerk der Erzählung auf die unhomogene, alle sozialen Schichten enthaltene
Menge der Bürger, wie anfangs schon vorweggenommen.
Es ist Jon J Muth hoch anzupreisen, dass „M“ Authentizität ausstrahlt und mit jeder Seite eine ganz persönliche Note entwickelt.
„M – Eine Graphic Novel nach dem Film von Fritz Lang“ erscheint bei Cross Cult.
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