• Rubriken

  • Schlagwörter

    Beatsteaks Björk Blumentopf Busta Rhymes Deichkind Eminem Fettes Brot Foo Fighters Gentleman Jack Johnson Jan Delay K.I.Z. Kanye West Kool Savas Korn Mando Diao Princess Superstar Rihanna Snoop Dogg Wu-Tang Clan
  • Meta

  • The Woisler Columns, Number 2

    Von der Woisler

    Scheißjugendkulturdogma

    Ich finde es immer grundsätzlich großartig, dass unsere Jugend immer noch nicht dogmatisch frei ist, in einer gewissen Szene gefangen ist, zu einer Strömung ja sagen muss und sich in deren Kleider- oder Symbolordnung fügen muss. Schönes liberales drittes Jahrtausend!
    War das jetzt Ironie, fragt sich der werte Leser?

    Nehmen wir zum Beispiel die Reggaeszene: hör ich gerne Reggae (aus welchem dem hier Schreibenden unerklärlichen Grund auch immer), schmücke ich mich mit gewissen Insignien: zum Beispiel mit „Wursthaaren“ oder den Farben rot/gelb/grün. Falls es jemand, der dies liest, nicht wissen sollte: Die Farben rot, gelb und grün repräsentieren einige afrikanische Länder, warum das so ist, kann gerne auf Anfrage erläutert werden, im Rahmen der dem Reggae zu Grunde gedachten Ideologie der Rastafari- Bewegung aber Äthiopien, aufgrund einer Stilisierung von Haile Selassi zum Messias. Dieser Haile Selassi war kein Chorknabe wie so viele absolute Herrscher in Afrika, auch an seinen Händen klebte Blut, warum also sollte er Messias sein? Weil er eine schwarze rassische Ideologie etablierte, die den Rastafari gut in den Kram passt. Dies hat- und jetzt komme ich zum Punkt- zu einer rassistischen Grundhaltung geführt, die dazu geführt hat, daß der Mann, der die Reggaemusik und somit Jamaica weltweit auf die musikalische Landkarte gebracht hat, Bob Marley, als halber Weißer als Kind gedemütigt wurde. Was heißt es dann, sich als Weißer mit den Insignien dieser Kultur zu schmücken?
    Ist das eine Verleugnung der eigenen Hautfarbe? Wie könnte man diese eigentlich schizophrene Anbiederung perfektionieren? Umpigmentierung? Operatives Angleichen der Gesichtszüge? Liebe Weiße mit Wursthaaren und Rot-Gelb-Grün-Schmuck, denkt darüber nach…

    Was aber noch wesentlich schlimmer ist: Diese Szene (aber auch Jamaica generell- muss der Vollständigkeit halber ergänzt werden) ist hochgradig schwulenfeindlich und ruft in großen Teilen zum Schwulenmord auf, nur klingt das im Reggae oder Dancehall auf Patois so süß und harmlos mit Sätzen wie „ dem batty boys“, dass eigentlich keiner von den „Kiddies“ drauf kommt. Ich werfe diese Themen gerne auf, wenn ich einen entsprechenden Teen oder jungen Zwanz’ger treffe, die sich von der Grundtendenz un der Toleranz her eher dem Hippietum anverwandt fühlen.

    Neulich meinte einer zu mir, so Konzerte von Sizzla oder anderen gewaltverbreitenden Künstlern meide man ja. Dies lässt aber außer acht, dass man sich, um sich in Jamaika in der Szene zu etablieren, schon zu solchen Dogmen äußern muss, unabhängig davon, ob man es in den Texten thematisiert.
    Ich gehe weiter: Eigentlich ist es schade, dass die Schwulenszene so gewaltfrei ist, ich meine natürlich verbal, wir denken doch nicht an physische Gewalt, pfui, wer so etwas denkt. Denn es gelte mal, dem etwas entgegen zu setzen. Ich habe einen sehr geschätzten Arbeitskollegen, ein blasses Weißbrot mit langen Wursthaaren und besagtem farblichen Schmuck, der zuweilen mit einem Schwulen in einer Abteilung arbeitet. Wäre der eine konsequent oder wüsste der andere über die Aussagekraft der Symbole, müsste es auf’s Maul geben. Schön, dass es nicht so ist, aber schizophren.

    Am liebsten sähe ich den Zeitungsbericht vor mir: „Dancehall- Sänger Sizzla in Köln von einem Schwulen krankenhausreif geprügelt“.

    Es liegt mir aber fern, mich nur als Feind der Reggae-Szene zu präsentieren. Da ist dieses Szenegedünkel vielleicht am eindringlichsten, aber dieses Musikszenendogma findet sich leider in allen Musikstilen wieder, als Homosexueller hat man es primär überall schwer außer in der Electro- Szene.

    Aber auch sonst habe ich es als passionierter Hörer gewisser Musik in einigen Konstellationen schwer:

    • Ich stehe auf HipHop, aber wo kommt HipHop her: von der Strasse. Wie können mir dann einzelne HipHop- Printmedien vorgaukeln, dass ich nur authentisch sei, wenn ich Hosen und Schuhe irgendwelcher New Yorker Trendmarken ab 150 Euro trage. Ein Freund von mir hat mal gelästert, dass der Untergang der Plattenindustrie vom HipHop kommt, da der Gehaltszettel dieser Leute, die diesen überteuerten Scheiß kaufen, diametral zu den teuren Klamotten steht und somit das Geld für die eigentliche Musik fehlt. Dann wird nur illegal gesaugt…

    • Auch Probleme habe ich, wenn ich auf Punk- Musik stehe, aber auf ein wohl strukturiertes Leben mit wohl strukturiertem Job und perfekt gebügelte Hemden…
    Am schlimmsten aber: ich höre parallel auch gerne guten HipHop!!!

    • Ich höre gerne diese Indie- Mucke, doch trage gerne weite Klamotten, sei es auch nur aus pragmatischen Gründen aufgrund meiner Leibesfülle. Noch mal jedoch der größte Frevel: ich höre parallel auch guten HipHop.

    • Ich gehe ab zu Slayer, doch liebe hippieske, bunte Klamotten. Zum dritten Mal das größte No-Go- Ihr erratet es vielleicht schon: ich höre parallel auch guten HipHop.

    • Die Gitarrenmusikszene hat einen gemeinsamen Nenner, merkt Ihr. Lass Punks, Indiemucker oder True Metalheads sich bekämpfen, im Hinblick darauf, dass HipHop Scheiße ist, ist man sich einig. Leider haben sie im Hinblick darauf, was man heute im öffentlichen Leben von HipHop und den vermeintlichen HipHop- Spacken wahrnimmt, Recht, doch ein Artikel bzgl. der Woisler- Ambivalenz HipHop betreffend wird ein anderes Mal kommen, seid dessen versichert.

    Auch ich habe fast zweieinhalb Dutzend an Jahren gebraucht, um zu einer wesentlichen Erkenntnis zu kommen, ohne es jemals richtig verstehen zu werden: Leute können- subjektiv gesehen- einen Scheiß- Musikgeschmack haben und trotzdem die gleiche Wellenlänge.
    Das ist tragisch, ist aber genau wie ich Auswuchs dessen, was ich hier gerade abgehandelt habe…

    Wann brechen wir endlich aus all dem aus?

    Nachtrag:
    Bei gewissen Menschen Anfang Zwanzig mit einer guten Bildungsspanne und liberalem Wesen haben sich all diese Dogmen schon aufgelöst, das lässt mich hoffen.







    Weitere Artikel:







    Keine Kommentare »

    Keine Kommentare vorhanden.

    Kommentar schreiben

    Connect with Facebook