Delain im Hellraiser/Leipzig
Von Louisa Knobloch
Die erste Headliner-Tour ist für jede Band etwas Besonderes, umso mehr, wenn sie sich aus einem Projekt entwickelt hat wie Delain. Gegründet wurde die Band von Martijn Westerholt (Ex-Within Temptation) als Studioprojekt mit zahlreichen hochkarätigen Gastmusikern wie Sharon den Adel (Within Temptation), Marco Hietala (Nightwish) und Liv Kristine (ex-Theatre of Tragedy). Den Erstling „Lucidity“ prägt aber bereits der Gesang von Charlotte Wessels, die als ebenso schöne wie talentierte Frontfrau die Fans begeistert. Ergänzt um Ronald Landa (Gitarre, Gesang), Rob van der Loo (Bass) und Sander Zoer (Drums) waren Delain bereits letzten Herbst als Support für Within Temptation auf Deutschland-Tour, jetzt sind sie erstmals als Hauptact unterwegs und spielen Shows in Hamburg, Berlin, Leipzig und München. Beim Konzert im Leipziger Metalclub „Hellraiser“ waren wir für euch vor Ort.
Der Club in Engelsdorf vor den Toren Leipzigs ist ein Mekka für Metalfans in der Region und so füllt sich der kleine Saal rasch. Kurz nach 20 Uhr kämpfen sich die Mannen und Frontfrau von „Fallen Angel’s Symphony“ aus Leipzig quer durchs Publikum zur Bühne durch. Es ist ihr erstes Heimspiel seit zwei Jahren und noch dazu mit drei neuen Bandmitgliedern – das ist der Band eine Runde Freibier wert. Dabei haben „F.A.S.“ es gar nicht nötig, mit diesem Angebot Leute vor zur Bühne zu locken – die Fans stehen dicht gedrängt und rocken vom ersten Takt an mit. Die teils melancholischen, teils düster-wütenden Lieder wie „Träne der Verborgenheit“, „Maschinenliebe“ oder „Fade away“ kommen gut an und als die Leipziger nach gut einer Stunde und einer Zugabe die Bühne für den Hauptact räumen, liegt die gefühlte Raumtemperatur bei 38 Grad. Sauerstoff ist eh knapp.
Selbst während der Umbaupause leert sich der Platz vor der Bühne nicht. Das Publikum ist gut gemischt, von 15 bis 50 Jahre ist alles vertreten und während sich manche Gäste mit Delain-T-Shirts als Fans zu erkennen geben, haben andere noch nie was von der niederländischen Band gehört. Gespannt sind sie alle. Gegen 21.30 Uhr geht das Licht aus und Delain rocken mit „Silhouette of a Dancer“ los. Sängerin Charlotte betritt die Bühne zuletzt und wird gleich mit Gejohle begrüßt. In hautengen Jeans und mit einem dunkelblauen Oberteil mit Spitzenärmeln entspricht sie so gar nicht dem Klischee einer Gothic- oder Metal-Sängerin. Kein schwarzer Samt, keine Lack und Leder, kein dicker Kajal. Dafür ein entwaffnendes Lächeln und eine zauberhafte Stimme. „Dankeschön! Wie geht’s?“, begrüßt sie nach dem ersten Song auf Deutsch das Publikum, setzt die Moderation dann aber auf Englisch fort: „I heard this is the Gothic capital of Germany!“ Frenetischer Jubel. Muss wohl stimmen. Ohne viele Worte zu verlieren legen Delain mit „Frozen“ und „Shattered“ nach und das Publikum geht voll mit.
Zu „No Compliance“ erklärt Charlotte, dass der Song auf der CD von Sharon den Adel und Marco Hietala gesungen wurde. Die Erklärung hätte sie sich genauso gut sparen können, denn sie meistert beide Parts mit Bravour. Auf „A Day for Ghosts“ übernimmt Gitarrist Ronald Marcos Vocals. Wer vielleicht Bedenken hatte, dass Delain live den Level der CD nicht halten könnten, wird schnell eines Besseren belehrt. Die Songs sind klasse, die Band ist spielfreudig und das überträgt sich auf das Publikum. Prominente Gaststars vermisst hier wirklich niemand. Mastermind Martijn gerät hinter seinen Keyboards ins Schwitzen, Rob und Ronald headbangen um die Wette und auch Charlotte lässt ihre braunen Locken kreisen. Ihre sympathische Art kommt gut an und obwohl sie mit ihren 20 Jahren jünger ist als die meisten Fans, bewegt sie sich auf der Bühne als hätte sie noch nie etwas anderes gemacht. „Are you ready for some action?“, ruft sie. „This is ‚The Gathering’“ Zahlreiche Arme recken sich ihr entgegen, der eingängige Chorus wird vielstimmig mitgegrölt. Als Hit des Abends entpuppt sich aber ein anderer Song: das atmosphärische „Sleepwalkers Dream“ bietet genau die Balance zwischen Zerbrechlichkeit und Wucht, die den Sound von Delain ausmacht. Im Publikum gehen einzelne Feuerzeuge an, andere klatschen begeistert mit.
Nach „Daylight Lucidity“, dem titelgebenden Track des Debütalbums, fordert die Hitze ihren Tribut: „If don’t have some water now, I die“, stöhnt Charlotte. Solidarisch reicht Ronald auch eine Flasche Wasser an die dauerheadbangenden Fans in der ersten Reihe. Trotzdem gönnen sich Delain keine Pause, sondern legen mit „Sever“, dem Opener des Albums, nach. „I’m so disappointed to tell you this, but this is the last song“, kündigt Charlotte schließlich „Pristine“ an. Gegen Ende des Liedes verlässt die Sängerin als erste die Bühne, während der Rest der Band es noch ordentlich krachen lässt. Doch dann ist Schluss: „Thank you, Leipzig! Hope to see you again soon!”, ruft Ronald. Das lassen die Fans so aber nicht gelten und brüllen augenblicklich und kollektiv nach einer Zugabe. Ihr Repertoire hat die Band allerdings verschossen, „Lucidity“ hat nur elf Tracks und die sind gespielt. Dennoch lassen sich Delain nicht lumpen, Charlotte ist als erste wieder auf der Bühne und kündigt mit „Stay Forever“ einen neuen, bisher unveröffentlichten Song an, der nach kleinen Technikproblemen auch starten kann. Als zweite Zugabe gibt’s noch mal „The Gathering“, das Publikum stört sich nicht an der Wiederholung, Hauptsache Delain spielen noch was. Nach einer starken Stunde ist aber schließlich endgültig Feierabend. Die mit Bildern halbnackter Frauen in den Klauen männlicher Monster verzierten schwarzen Wände des Clubs sind feucht vom Kondenswasser. Wer noch immer nicht genug kriegen kann, drängt sich im Foyer am Merchandise-Stand, wo die Band geduldig Autogramme schreibt und für Fotos posiert. Das Konzert war ein voller Erfolg und das nächste Mal werden Delain sicher den großen Saal des Clubs füllen. Dann haben sie bestimmt auch neues Liedmaterial, denn eine Stunde inklusive Zugaben ist als Headliner doch etwas knapp. Aber diese Stunde hat gerockt! Wir freuen uns auf das neue Album und die Sommerfestivals!
Mehr Infos gibt’s im Interview mit Charlotte:
http://www.bumbanet.de/blog/index.php/2008/01/21/delain-2/
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